Oh Mensch, wie weit bist du gesunken.....?


Netflix, YouTube, Spotify: So klimaschädlich ist Streaming wirklich

7. Oktober 2019 von Katharina Schmidt

Schon Stranger Things zu Ende gesuchtet? Und dabei auch mal an die Umwelt gedacht? Nein? Solltest du aber. Denn auch digitale Streaming-Dienste wie Netflix verursachen CO2 – und zwar viel. Allein von Januar bis März 2019 haben Deutsche über 14 Jahre etwa 1,2 Milliarden Stunden lang Filme und Serien im Internet gestreamt. Viele nutzen Netflix und Amazon Prime, weil es bequem ist – manche vielleicht auch, weil es umweltfreundlicher erscheint. Immerhin sind DVDs und Blu-rays aus Plastik – und beim Streamen fällt das weg. Doch sind Netflix und Co. wirklich besser für die Umwelt?

Streaming-Dienste benötigen Strom – viel Strom. Damit wir Filme, Serien und Songs online streamen können, müssen die Daten auf Servern gelagert werden. Und diese Server benötigen Energie: Die Netzinfrastruktur in Deutschland verschlingt laut SWR im Jahr etwa 55 Terawattstunden. Um den Strom dafür bereitzustellen, benötigt man etwa zehn mittlere Kraftwerke. Ein Drittel der Energie geht übrigens an Klimaanlagen. Diese müssen die Rechenzentren auf etwa 25 Grad kühlen, damit sie nicht überhitzen. Natürlich zählen nicht nur Streaming-Dienste zur Netzinfrastruktur. Doch sie machen einen Großteil davon aus: Der globale Datenverkehr besteht zu 80 Prozent aus Video-Daten. Die Dateien sind besonders groß und verbrauchen daher auch viel Platz auf den Servern und Energie bei der Übertragung.

Video-Streaming-Dienste und CO2: Wie klimaschädlich sind sie? Produziert der Streaming-Dienst Netflix viel CO2?
Alles im Internet verbraucht Energie, vom googeln bis zum Lesen auf Utopia.de. Doch welchen Anteil daran haben eigentlich die Streaming-Dienste?

Sehr viel, befanden Forscher des französischen Thinktanks „Shift Project“. Laut ihrer Studie (Juli 2019) ist Video-Streaming eine echte CO2-Schleuder. Allein im Jahr 2018 habe Video-Streaming mehr als 300 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verursacht. Das entspreche der Menge, die das gesamte Land Spanien in einem Jahr ausstößt. Zwei andere Zahlen machen das Ausmaß deutlich: Streaming verursacht ein ganzes Prozent der globalen CO2-Emissionen beziehungsweise 20 Prozent aller Treibhausgase, die von Digitaltechnik verursacht werden.

Die Forscher zeigten auch auf, wie sich der weltweite Video-Konsum zusammensetzt:
• 34 Prozent Video-on-Demand-Services: Seiten wie Amazon Prime und Netflix verursachten über 100 Millionen Tonnen CO2-Equivalent – also so viel ganz Griechenland im Jahr 2017 ausgestoßen hat.
• 27 Prozent pornographische Videos: Diese führten 2018 zu 80 Millionen Tonnen CO2-Emissionen – so viel wie alle Haushalte Frankreichs im selben Jahr produzierten.
• 21 Prozent Video-Plattformen wie YouTube
• 18 Prozent „Andere“, beispielsweise Socialmedia-Videos auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Globaler Video-Konsum im Internet (Daten: theshiftproject.org). Die Shift-Project-Studie gibt einen guten Überblick über den Energieverbrauch von Streaming-Diensten. Andere Wissenschaftler warnen jedoch, dass Angaben zur Stromnutzung von Streaming-Plattformen oft ungenau sind. Wie viel Energie ein Streaming-Dienst genau verbraucht oder wie hoch sein Anteil am Stromverbrauch ist, lässt sich nur schwer bestimmen. Die Zahlen schwanken zum Beispiel je nachdem, wie viel gerade gestreamt wird oder wie komplex die Suchanfrage ist. „Die Zahlen liegen bei wenigen Akteuren, die sich nicht in die Karten schauen lassen, da die Energiekosten Teil der Geschäftsstrukturen sind“, erklärt Clemens Rohde vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung gegenüber der TAZ. Ob Video-Streaming im letzten Jahr genau so viel Strom verbraucht hat wie Spanien oder doch mehr oder weniger, lässt sich also nicht mit letzter Sicherheit sagen. Doch dass es sehr viel Energie war, steht außer Frage.

Wieso schauen wir so viele Online-Videos? Unser massiver Video-Konsum setzt sich aus verschiedenen Quellen zusammen. „Einige Videos sehen wir an, weil wir das wollen, andere, weil uns das digitale System dazu zwingt“, erklärt Maxime Efoui-Hess, einer der Autoren der Shift-Projekt-Studie, im Gespräch mit Utopia. Webseiten wie beispielsweise Facebook würden Clips oft automatisch abspielen, um die Aufmerksamkeit zu erlangen. Andere Seiten, wie etwa YouTube, würden die Autoplay-Funktion nutzen, um die Aufmerksamkeit des Nutzers zu behalten. Auf diese Weise würden wir dazu verleitet, Videos anzusehen, ohne dass wir uns gezielt dafür entschieden hätten. Und das treibt den Datentransfer in die Höhe. Ist Netflix umweltschädlicher als eine DVD? Wenn Netflix und Co. also so viel CO2 verursachen, sollten wir dann einfach wieder zur guten alten DVD greifen? So leicht ist das leider nicht. Denn auch DVDs haben Nachteile: Zum einen verbraucht die Herstellung Ressourcen. Zum anderen besteht die Disk aus Plastik, kommt im Plastikbehälter und wird in Plastik eingeschweisst. Außerdem braucht es Energie, um DVDs und Verpackung herzustellen und diese in Läden zu transportieren. Kunden fahren dort hin, um sie einzukaufen. Forscher des Lawrence Berkeley National Laboratory und der McCormick School of Engineering haben 2014 untersucht, wie viel Primärenergie und Treibhausgasemissionen bei einer DVD anfallen und diese Werte mit denen von Video-Streaming verglichen. Das Ergebnis: Wenn man sich die DVD per Post schicken läßt, verbraucht sie in etwa in etwa gleich viel Energie wie Streaming. Fährt der Käufer mit dem Auto zu einem DVD-Verleih oder -Laden, verbraucht er dadurch mehr Energie und stößt der Studie zufolge mehr CO2 aus. Die Studie bezieht sich auf Durchschnittswerte – Faktoren wie Elektroautos, öffentliche Verkehrsmittel oder Ökostrom wurden nicht beachtet. Außerdem berücksichtigt sie nicht alle wichtigen Faktoren – auf den gesamten Ressourcenverbrauch der einzelnen Methoden geht die Studie nicht ein. Die Studie ist allerdings etwas veraltet, vielleicht arbeitet Streaming heute einerseits effizienter, andererseits ist es durch höhere Auflösungen wahrscheinlich energiehungriger. „Zur DVD zurückzukehren ist nicht die Lösung“, findet Maxime Efoui-Hess vom Shift Projekt. Seiner Meinung nach müssen wir weniger Online-Videos ansehen und die Videos gezielter auswählen.

Musik-Streaming-Dienste und CO2: Wie klimaschädlich sind sie?
Auch Musik-Streaming verursacht CO2. Forscher der Universitäten in Glasgow und Oslo haben den ökologischen CO2-Fußabdruck von Musik-Streaming analysiert und mit dem von Kassetten, Schallplatten und CDs verglichen. Zunächst die guten Nachrichten: Die US-Musikindustrie produziert dank Streaming weniger Plastikmüll. Im Jahr 2000 wurden CDs aus 61.000 Tonnen Plastik gefertigt, bis 2016 schrumpfte die Zahl auf 8.000 Tonnen. Die Treibhausgasemissionen durch Musik sind allerdings gestiegen, schätzen die Forscher. 2000 hat die Musikindustrie US-weit etwa 157 Millionen Kilo Treibhausgase verursacht. Im Jahr 2016 hingegen soll die Zahl zwischen 200 Millionen und 350 Millionen Kilo gelegen haben. Die Forscher berücksichtigen in ihrer Schätzungen sowohl CO2-Emissionen durch Streaming als auch solche, die durch Downloads von Albums und Singles entstanden sind.

Macht es einen Unterschied, wo ich streame?
Greenpeace hat 2017 in der Studie „Clicking Clean“ unter anderem untersucht, mit was für Strom Streaming-Anbieter ihre Rechenzentren versorgen. Bei den Musik-Anbietern schnitt iTunes (Note A) besonders gut ab. Greenpeace maß dem Streaming-Anbieter einen „Clean Energy Index“ von 83 Prozent bei. Dieser berechnet sich aus dem gesamten Stromverbrauch des Unternehmens und dem Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien. Spotify erhielt die Note D, Soundcloud die Note F. Im Bereich Video schnitt YouTube am besten ab. Weil der Dienstleister zu 56 Prozent „Clean Energy“ bezieht, erhielt er die Note A. Amazon Prime erhielt immerhin Note C, Netflix Note D für die CO2-Bilanz des Stroms.

Klimafreundliches Streaming: Kann man den CO2-Ausstoß reduzieren?
„Wie wir unsere digitale Infrastruktur betreiben, kann darüber entscheiden, ob wir den Klimawandel rechtzeitig stoppen können“ – erklärt Greenpeace-IT-Spezialist Gary Cook. Um das Klima zu schonen, müssen wir nicht ganz auf digitale Techniken verzichten – aber wir müssen sie anders nutzen. Denn Streaming an sich ist nicht schlecht, die Datenübertragung wird sogar immer effizienter. Auch Prozessoren erbringen zum Beispiel immer mehr Leistung bei geringerem Energieaufwand. Doch leider steigen auch die Ansprüche der Konsumenten: Vor wenigen Jahren waren noch HDTV-Videos mit einer Auflösung von 720p Standard – heute verlangen viele Zuschauer 4K-Qualität (2160p). Gleichzeitig streamen immer mehr Menschen immer mehr Songs und Videos. Forscher vom Shift Project sehen vor allem die Streaming-Dienste in der Pflicht, die Emissionen zu senken. Ihre konkreten Vorschläge:
• Streaming-Dienste müssen ihr Design ändern. Denn Funktionen wie Autoplay und integrierte Videos würden „darauf abzielen, den Konsum [von Videos] zu maximieren“.
• Außerdem bräuchten Streaming-Dienste strengere nationale und internationale Regulierungen – hier sehen die Forscher besonders die EU in der Pflicht.
• Darüber hinaus müsste man Wege entwickeln, um Server energieeffizienter zu betreiben. In Darmstadt wird z.B. dem SWR zufolge eine Methode getestet, die Rechenzentren mit Wasser anstelle von Luft zu kühlen. Forscher der Universität Glasgow argumentieren außerdem, dass man die Klimabilanz nachhaltig verbessern könnte, wenn mehr Anbieter ihre Rechenzentren mit Ökostrom betreiben würde.

Wie kann ich selbst nachhaltiger streamen? 7 Tipps.

Die dem Artikel angehängten Tipps verfolgen, wie oft in politischen Artikeln verfolgt wird, wie eine verlogene Welt erträglicher gestaltet werden könnte. Wer das wissen will sei auf das Original dieses Artikels, natürlich mit ordentlichen Bildern hinterlegt, verwiesen.

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