Warum Matthäus?

Unter Katholizismus versteht der Autor, ein Leben zu führen, das sich am Inhalt des Matthäus-Evangeliums orientiert, solange es keine Gleichheit unter den Menschen gibt. Lukas muss auch genannt werden, denn auch er hat den Kern der Bergpredigt in seiner Feldpredigt überliefert. Diese beiden Narrative, bereinigt von den Mythen, die Paulus für die Herren seiner Zeit dem Neuen Bund hinzugefügt hat, sind maßgebend, um ein Leben in der beständigen Revolte gegen die herrschenden Verhältnisse weltweit führen zu können. Sie bieten vor allem einen Schutz vor neuen Herren, egal wie sie sich nennen. Ein wahrer Katholizismus geht über die Befreiungstheologie hinaus. Zur grundsätzlichen Gewaltlosigkeit der Bewegung gesellt sich eine grundlegende Absage an die gegenwärtige Vertragsgesellschaft. Wie Matthäus und Lukas übereinstimmend berichten, antwortete der Nazarener auf die Anklagen der Ankläger nicht. Er würdigte keine der Anklagen mit einer Gegenrede. Er schloss damit jedwede Anerkennung der Ankläger aus. Er ignorierte sie.

So sollten auch wir die Herrschenden ignorieren und mit anderen Menschen mit eigenen Netzwerken für einen Gegenpol zum Staat sorgen. Diese Netzwerke dürfen sich nicht dem Vertragszwang des Staates beugen; das Netzwerk des Staates und die gesellschaftlichen Netzwerke sollten als unvereinbare Gegenpole verstanden werden. Sie stehen sich unversöhnlich gegenüber, solange es eine soziale Ungleichheit zwischen den Menschen gibt.

Die Forderung der Bauern aus dem Jahr 1525, die geraubte Allmende wieder den Menschen zurückzugeben, muss über alle Zeiten bewusst und aufrecht erhalten werden. Die Zeit heilt diese Wunde nicht. Im Gegenteil. Jeder politisch gesprochene Satz soll an diese Wunde erinnern. Die moderne Politik ist der Versuch, von dieser Wunde abzulenken, den Menschen zum politischen Kompromiss zu bewegen, den es aber nicht geben darf. Das ist einer der Inhalte des Matthäustextes.

Viel zu viele Menschen sind aus politischen Motiven gestorben; Rechte, Linke und in der Mitte die Gleichgültigen: Gemeinsam ist allen, dass sie persönliche Motive haben, aber keinen absolut verbindlichen Kompass. Diesen bietet das Evangelium nach Matthäus, mehr nicht. Mit diesem Kompass erkennen wir, dass die moderne Ausbeutung der Natur ein Verbrechen ist. Sie dient nicht der Versorgung der Geringsten unter uns, sondern dient der Produktion von Waren, die für den Zirkulationskreislauf des Geldes und damit für die Geldvermehrung und einen Wohlstand für die Ausbeuter benötigt werden.

Die Herrschaft von Menschen über Menschen muss enden, der Geldfetisch muss enden, wenn die Erde für die Menschen und künftig überhaupt eine lebenswerte Natur erhalten werden soll, in der ohne Zwang gelebt werden kann. Die Vertragsgesellschaft muss enden.

Den Weg zur Überwindung der Vertragsgesellschaften nennt der Autor „Wahren Katholizismus“, ein Weg, der um die Welt getragen werden kann: Die Verpflichtungen des Menschen gegenüber den Geringsten unter den Menschen.

Nichts anderes wollte der Nazarener, den Paulus, der zu Lebzeiten des legendären „Jesus von Nazareth“ noch gar nicht geboren war, als den „Erlöser Jesus Christus“ missbrauchte, um den irdischen Herren zu dienen.

Matthäus bietet allein den Kompass, der auf dem Weg benötigt wird, den der Mensch braucht, wenn er am Ziel, der Verwirklichung einer Gesellschaft der Freien und Gleichen ankommen will. Ohne Wenn und Aber und auch an keiner paulinischen Obrigkeit orientiert, wie diese zu Zeiten Luthers auch Thomas Müntzer und in der 1950er Jahren selbst Che Guevara noch gepredigt haben, führt jeder Weg ohne diesen Kompass nahezu zwangsläufig in die Gulags der Sowjets, in den spirituellen und religiösen Wahn oder bei den Rechten sofort in den Tod: Standrechtlich.

Dieser Kompass dient der Orientierung auf der Suche nach einer anderen, nach einer gerechten Welt, die es nicht geben wird, für die sich aber der Mensch entscheiden kann. Darin besteht der Inhalt des „De libero arbitrio“, des Absurden, der in der entschiedenen Ablehnung des Protestantismus zum Ausdruck kommt. Ohne die Entscheidung für das Absurde ist und bleibt der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen, dem sich die Herren dieser Welt überall bedienen: Die Herren haben sich nicht geändert, allein die Form ihrer Herrschaft hat sich geändert. Vor allem das Fundament ihrer Herrschaft hat sich geändert: War es ursprünglich lediglich der geraubte Grundbesitz an Boden, der als Lehen verwaltet den Fürsten die Macht sicherte, wurde der Grundbesitz an Boden als käufliche Ware im Jahr 1804 unter das bürgerliches Vertragsrecht gezwungen. Aus der Natur wurde Gott vertrieben und durch den Götzen Staat ersetzt. Ein Rückfall in die Barbarei. Gott lässt sich aber nicht ersetzen. Der Götze Staat muss gestürzt werden, wenn die Barbarei überwunden werden soll.

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