Vergebt ihnen

Ich kenne meine Schwester Jakoba Zöll nicht, ich weiß nur, dass es meine Schwester ist.
Ihr Leser*innen, die diese menschliche Gemeinschaft, in der man sich nicht als Genoss*innen oder Friedenskämper*innen anspricht, sondern von alters her als Schwester und Bruder, lest bitte den Text, den eine junge Novizin der Olper Franziskanerinnen geschrieben hat. Ich habe sie angeschrieben, sie aber antwortet nicht. Ich verstehe, weshalb sie nicht antwortet. Vielleicht antwortet ihr mir.

Ich habe dem Rat von Jakoba Zöll beherzigt und ihren Text auch dem Sünder Dieter weitergeleitet.

Jakoba Zöll schreibt: ""Wenn aber dein Bruder sündigt" … ein realistischerer Einstieg in ein Evangelium findet sich wohl selten. Wir alle können uns vermutlich ohne Probleme zahlreiche Situationen in Erinnerung rufen, in denen wir Zeuginnen und Zeugen fragwürdigen Verhaltens unserer Mitmenschen geworden sind.
Die Reaktion, die uns zumeist am leichtesten über die Lippen geht, ist Abwertung und Verurteilung. Schnell sind wir in Kirche und Gemeinde dabei, mit Endgültigkeit zu verurteilen, von "unverzeihlichen" Positionen und Aussagen zu sprechen, "Todsünden" zu benennen und zu "exkommunizieren" und "auszuschließen" aus dem Katholischen. Vielleicht hängt uns da unbewusst das Sonntagsevangelium von vor zwei Wochen noch in den Ohren, in dem Jesus Petrus zusagt: "Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein." (Mt 16,19)

Aber im heutigen Evangelium lässt Matthäus Jesus aufzeigen, dass die Zusage an Petrus in Caesarea gerade nicht so gemeint ist. Es geht nicht um Endgültigkeit im Urteilen, es geht nicht um ein Zuschließen mit unverzeihlichem Sündenregister in der Hand.
Vielmehr zeigt Jesus uns auf, dass es um ein Bemühen dem Anderen gegenüber geht. Die aus unserem Blick begangene Sünde soll in Liebe aufgezeigt werden, sie sollen gemeinsam mit dem Gegenüber angesprochen, besprochen, diskutiert werden. Es geht um ein gemeinsames Ringen um die richtige Art zu leben, um ein gemeinsames diskutieren der Nachfolge. Findet sich im privaten Gespräch keine Lösung, sollen zwei oder drei Vertraute hinzugezogen werden, findet sich erneut keine Lösung, soll das Gespräch in den Raum der Gemeinde getragen werden. Erst wenn sich auch hier keine einvernehmliche Lösung finden lässt, besteht als letzter Ansatz die Möglichkeit zum Ausschluss.

Und selbst hier geht es nicht um Endgültigkeit, denn die Betroffenen sollen wie Heiden und Zöllner behandelt werden. Und Jesu Umgang mit Zöllnern, Sündern und Heiden dürfte allseits bekannt sein…

Die Perikope endet damit, dass Jesus, leicht abgewandelt, an alle Jünger gerichtet, die Petrus-Zusage wiederholt: "Was immer ihr auf Erden binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was immer ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein." So ist der Bogen deutlich zu erkennen, von Caesarea zum heutigen Evangelium. Matthäus lässt Jesus seine eigene Zusage erklären und, nur nebenbei gesagt, auf alle Jüngerinnen und Jünger ausweiten.

Und wir? Wir können mit diesem Evangelium unser eigenes Verhalten auf den Prüfstand stellen. Sind wir schnell dabei, Verhalten, Meinungen und Statements von Mitmenschen zu verurteilen? Sind wir in den Auseinandersetzungen in Kirche und Gemeinde so zugewandt, liebevoll und dialogfreudig wie Jesus es uns hier vorgibt?
Ich lade Sie ein, das in der vor uns liegenden Woche einmal bewusst zu versuchen."

Wie erwähnt, das schreibe nicht ich, das schreibt meine Schwester Jakoba Zöll. Ich erkenne mich nur in ihrem Text. Nur ein Wort von ihr habe ich verändert, musste ich verändern und habe das Schwester Jakoba längst mitgeteilt: Sie schreibt von Mitchristen und mit denen will ich nur dann etwas zu tun haben, wenn es sich um Menschen guten Willens handelt. Die Zielgruppe der jungen Novizin habe ich deshalb mit Mitmenschen ersetzt. Mit dem Christusstifter Paulus, der bereits lügt, wenn er sich als Apostel bezeichnet und der in Einzelfällen lügt, wie dieser Dieter lügt, mit diesen Lügnern will ich nichts zu tun haben. Christen und Lutheraner, Paulaner gar, die besser das Bier trinken sollten, als ihm nachzufolgen, diesem Knecht Jesus Christus, die alle der Versuchung Luzifers nicht widerstehen und sein Wort wahr machen wollen, dass "Jedermann Untertan der Obrigkeit sei, die Gewalt über ihn hat. Denn es sei keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit sei, sei sie von Gott angeordnet" (Römer 13,1). Nur weil ich in diesem Punkt anders denke und auf meine Schlüsse aus theologischen Schriften mir sogar ein wissenschaftlich fundiertes Urteil erlaube, schreibt sie mir nicht. Ich solle vermutlich erst einmal glauben, dann würde sie mir schreiben. Das weiß ich natürlich nicht, aber wenn sie mir nicht antwortet, darf ich das vermuten. Wissen kann ich nur, dass sie mir nicht schreibt. Sie wird nur den Gläubigen schreiben und vergeben, dem ungläubigen Menschen gutem Willens nicht. Sie besteht vermutlich allein auf einen Glauben und nicht auf das Gut. Ich liebe sie trotzdem und nicht nur wegen ihrem hervorragenden Text

Der Gott der Menschen guten Willens ist anders. Er ist ein barmherziger Gott. Er hat die Natur erschaffen und liebt den Menschen. Er hat ihnen in klarer Abgrenzung zu den übrigen Geschöpfen der Natur einen eigenen Willen, "De libero arbitrio", gegeben, der deshalb gottesgleich ist und den größten Schutz bedarf. Gott kann ohne die Menschen leben, der Mensch aber nicht ohne Gott. Wenn der Mensch weiterhin diesem ausgemachten Lump Paulus, Knecht Jesus Christus, folgt, wird seine wunderbare Schöpfung für den Menschen nicht mehr bewohnbar sein.

Ein Beispiel soll das verständlich machen: Adolf Eichmann, dieser "Hanswurst", dieser Vertreter der "Herrschaft des Niemand", Inbegriff der "Banalität des Bösen", wie das die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt so treffend und richtig ausgedrückt hat, wurde von den Menschen im Staat Israel zum Tode verurteilt und gehängt. Nach allem was wir im Prozess erkennen konnten, log er nicht. Er redete wahr. Er stand zu seinen Taten. Er habe gehorcht, wie das Paulus befohlen. Er habe Hitler gehorcht und an ihn geglaubt. An Gott? Nein, an seinen Apostel, an Paulus!
Er hat großes Glück gehabt. Er wird in das Himmelreich einziehen.

Die evangelische Kirche attestierte diesem Unmenschen eine "grundanständige Gesinnung", was von den Protestanten zur Kenntnis genommen sollte. Sie sollen wissen, dass zumindest ihre Obrigkeit von der Pest des Protestantismus durchdrungen ist.

Der barmherzige Gott wird ihn empfangen und dieser schreckliche SS-Scherge wird vielleicht vor ihm niederknien und ihm für seine Barmherzigkeit, für sein Glück danken, das ihm auf Erden nicht wiederfahren ist. Jetzt, tot wie er ist, kann er endlich seine Unmenschlichkeit begreifen und sich an die Worte des Nazareners erinnern: Was ihr auf Erden richtet, wird auch im Himmel gerichtet sein. Gott ist barmherzig, er braucht die Menschen nicht.

Anders dieser Kumpane von Adolf Eichmann, der SS-Scherge Felix Linnemann, der nicht den Abtransport der Juden, sondern den Abtransport der Sinti und Roma übernahm, der Zigeuner, und damit durchaus mit dem Wohlwollen seiner Mitbewohner rechnen durfte, in deren Mitte er bis heute Respekt und Achtung erfährt. Noch heute pflegen sie sein Grab und Gedenken seiner.

Er hatte kein Glück wie viele seiner SS-Schergen, die mit ihm damals waren und heute noch mit ihm sind. Jedenfalls kenne ich kein Urteil einer Gemeinde, die ihn gerichtet hat. Er ist nicht gerichtet wie viele nicht auf Erden gerichtet werden, die wie er unmenschlich in Taten und im Denken sind. Sie alle werden gerichtet werden. Sie alle haben das Pech, dass sich die Menschen ihrer nicht annehmen und dieser Felix Linnemann, der zu feige war, sich den Menschen zu stellen, nachdem alle sahen, was er und die anderen Unmenschen angerichtet haben.

Ich werde ihn annehmen, denn ich will Gott folgen und ebenfalls barmherzig sein. Nicht gnädig, wie dieser Paulus, falsch wie er ist, spricht. Gott ist nicht gnädig, Gott ist barmherzig. Mensch, Maße dir nichts an, Gott kommt ohne dich aus.

Felix Linnemann soll in Frieden ruhen. Meinen Mitmenschen bitte ich, an seinem Grab eine Tafel "Gegen das Vergessen" aufzustellen. Sein Name soll uns an das Unmenschliche, an die vielen Unmenschen unter uns, erinnern, die heute mehr denn je unter uns sind. Unter dem Zeichen Pax Christi haben sie sich zusammengeschlossen. Schließen wir uns unter dem Zeichen der Menschlichkeit zusammen, gegen das Vergessen.

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