Form: Auf der linken Seite versammelte er die Böcke. Sie blökten nicht und stellten sich in Reihen auf. Stramm standen sie da, die Augen geradeaus. Auf der rechten Seite versammelte er die Schafe. Sie blökten und standen durcheinander und schienen fröhlich trotz der Gewissheit, dass er heute zu Gericht sitzen wird.

Plötzlich brach eine unheimliche Stille herein und alle Natur versammelte sich um ihn.

Dann sprach er zu den Böcken zur linken Seite: „Ich war hungrig und ihr habt mir nicht zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich nicht besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid nicht zu mir gekommen.“

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder nicht getan habt, das habt ihr mir auch nicht getan.“

Nicht-Form: Als er das gesagt hatte, sprach er zu den Schafen auf der rechten Seite: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Als er das sprach, konnte jeder das Abendrot erkennen, das jedem Umschlagen dialektischer Pole auf höhere geschichtliche Stufenleiter vorausgeht.

Das letzte Mal, als die Menschen zum Himmel blickten und dieses Abendrot schauten, schrieben sie das Jahr 1789. Sie stellten Fallbeile auf und sorgten dafür, dass die Worte Rousseaus verwirklicht werden. Die volonté général sollte ab jetzt herrschen und eine Dunkelheit brach über das Land ein.

Zuvor bildeten Klerus und Nicht-Klerus die Pole unter dem Himmel, unter dem sich im 16. Jahrhundert bereits der Bazillus des Protestantismus entwickelte und mit dem in vielen Orten der Welt die Pest ausbrach. Zuletzt geschah das im protestantischen England und die Ausbeutung fossiler Stoffe begann im großen Stil.

Dieser seit dieser Zeit nun tägliche Raub fossiler Brennstoffe war notwendig geworden, damit das vermögende Bürgertum durch die rationale Anwendung physikalischer Erkenntnisse ihre Geldvermögen mittels einer denkbar gewordenen Industrialisierung und der massenhaften Beschäftigung von Menschen zu Mehrgeld verwandeln konnte.

Diese Energie reichte aus, um den qualitativen Umschlag auf höhere geschichtliche Stufenleiter auszulösen. Diese Energie war überall klar erkennbar und die Vision auf ein bürgerliches bequemes Leben ging allen militärischen und politischen Schlachten voraus, die sie nach dem Jahr 1804 zur Durchsetzung ihrer neuen irdischen Gesetze siegreich führten.

Heute präsentiert die Natur die Quittung und der empirische Beleg liegt vor: Die Natur kann seit dem Jahr 1800 den exponentiellen Anstieg der Verbrennungsgase nicht mehr ausgleichen. Die Prophezeiung eines künftigen bequemen Lebens ohne Arbeit und die Verwirklichung eines bequemen Lebens für einen Teil der Bürger, wurde zunächst mit französischen Armeen und kurze Zeit später bereits mit vielen nationalen Armeen weltweit durchgesetzt. Es bescherte der Menschheit bisher nie zuvor gekannte Massenmorde, die in diesem Maß vor den letzten beiden verheerenden Weltkriegen auch unvorstellbar waren und massenhaftes Leid in die Welt brachte. Auschwitz, Hiroshima und Nagasaki sind nur die letzten Spitzen dieser Massenmorde. Unter den Befehlshabern der herrschenden Obrigkeit führte seit dem Umschlagen in diese moderne Dialektik von bürgerlichem Staat und Nicht-Staat diese Dialektik in eine Postmoderne, die trotz der Kenntnis über diese schwersten Verbrechen nicht bereit ist, mit der Vergangenheit radikal zu brechen. Sie konnten mit der ausdrücklich formulierten und politisch gewollten Option, weitere Massenmorde durchzuführen falls ihr bürgerliches Projekt bedroht ist. Bis zur Zeitenwende in den 1980er Jahre konnten sie sicher leben und durch eine konsequente Politik der Ver(klein)bürgerlichung breiter Massen von Menschen, ihr revolutionäres Subjekt, ihren Code Civil , erfolgreich sichern.

Erst die Finanzkrise der Vereinigten Staaten von Amerika zu Beginn der 1970er Jahre gefährdete zum ersten Mal seit der Französischen Revolution ihr bürgerliches Projekt, das mit der Einführung einer FIAT-Währung, ähnlich den Assignaten im revolutionären Frankreich der Jahre 1789 bis 1795, noch weiter 50 Jahre mit einer gigantischen Zunahme fiktiver Geldmengen gerettet werden konnte. Aber seit der weltweiten Finanzkrise des Jahres 2007 ist am frühen Abendhimmel das aufziehende Rot einer neuen Gesellschaft bereits wieder deutlich erkennbar.

Zwischen den unveränderten postmodernen Pole, bürgerlichem Staat und Nicht-Staat, können die Erwartungen der Menschen nicht mehr erfüllt werden. Auch die faszinierenden Verheißungen, die von den bürgerlichen Aufklärern seit dem Fall von Byzanz im Jahr 1453 das bürgerliche Zeitalter, das allein auf die Vernunft gegründet sein sollte, sind angesichts der wirklichen Geschichte der Entwicklung bürgerlicher Nationalstaaten verblasst. Sie vermögen nicht mehr, die divergierenden gesellschaftlichen und nationalen Entwicklungen aufzuhalten. Die Massenmorde, die seit Beginn des bürgerlichen Zeitalters allein dazu dienten, jenseits der menschlichen Vernunft die herrschende Dialektik zwischen den bestehenden Polen Staat und Nichtstaat aufzuheben, können nur noch als ultima ratio der Protestanten, die als Friedensverfertiger inzwischen sich überall zu Wort melden, gedacht werden. Ohne massive Intervention des Staates in die Verkehrsformen der Menschen, ist ihr längst verloren gegangenes bürgerliches Projekt nicht mehr zu retten. Das bürgerliche Projekt, der Code Civil, versuchte jenseits der durch Gott geschaffenen natürlichen Gleichheit der Menschen, eine politische Gleichheit durchzusetzen, in der die wahrhafte Gleichheit für alle Zeiten abgeschafft werden sollte. Dieser Prozess, der als Säkularisierung bezeichnet wird und nur noch von Katholiken radikal abgelehnt wird, muss enden, wenn die Menschheit überleben will.

Ein Umschlagen einer sich vollständig in Widersprüchen entwickelten Gesellschaft auf eine höhere geschichtliche Stufenleiter erfolgt nicht von selbst; kein Weltgeist, kein Gott und auch kein Christus wirkt hier. Als Wirkungskräfte handeln Menschen, die spezifische und vernünftige Interessen haben. Damit ist auch klar, dass auf der geschichtlichen Stufenleiter es auch hinab gehen kann. Diese hinab führenden Gedanken sind Verschwörungstheoretikern eigen und müssen nicht weiter beachtet werden. Die Gefahr besteht natürlich und mittels einer inszenierten Revolution von oben könnten durchaus Verschwörungstheoretiker zunächst auch Recht behalten. Zunächst allerdings nur, denn langfristig würde sich diese Theorie von selbst, nämlich „von unten“, erledigen.

Das Klima ändert sich. Die Vermögen mehren sich entsprechend der Schulden der Menschen und nichts darf bleiben wie es ist, wenn die Vernunft nicht wieder massenhaft „ermordet“ wird. Der Mensch, jeder einzelne, abzählbar, muss handeln, wenn der Umschlag vernünftig erfolgen soll. Der qualitative Umschlag zum Höheren kann nur durch eine konzentrierte und bewusste Nicht-Staatlichkeit in allen künftigen emanzipatorischen Handlungen wirksam beeinflusst werden.