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Donnerstag, 05 Dezember, 2019

Die Pest des Protestantismus

Vorab: Wenn hier von der Pest des Protestantismus geschrieben wird, meint der Autor nicht den Protestanten wie Ersamus von Rotterdam nicht den Juden meinte, als er im Jahr 1517 von der Pest des Judentums schrieb. Protestanten und Juden können nichts dafür; sie könnten nur diesen Bazillus in sich tragen, der beiden Religionen eigen ist.

Wir wissen heute, anders als das noch im Mittelalter der Fall war, viel über die Pest. Wir wissen, dass es eine bakterielle Seuche ist und die Bakterien von Ratten übertragen werden. Die können nichts dafür, es sind Geschöpfe der Natur; sie folgen nur den Menschen. Aber für das Bakterium, das die Ratten so leicht übertragen, können wir; dieses Bakterium heißt heute Kapital. Ein Bazillus, der unausrottbar scheint, seit er als Münze auf die Welt gekommen ist und mit Luther auf Erden gesegnet anstatt bekämpft wurde. Gott habe das so bestimmt und der Mensch müsse dieser Bestimmung folgen; der Mensch habe keinen freien Willen - De servo arbitrio -; willenlos folgen ihm seither die Anderen. De libero arbitrio - aber wir scheinen chancenlos: Die Pest wütet, weltweit.

Mit der Ekklesia des Paulus haben die ersten Anhänger Luthers, den sie noch gar nicht kannten, das Evangelium der Synoptiker Matthäus, Lukas und Markus vertauscht; das sollte keiner merken. Seit dem 13. Jahrhundert haben sie sorgsam ihren Stoff vorbereitet, damit er wirkt. Er wirkte spät, dafür aber umso gewaltiger: Die Pest des Protestantismus brach mit Luther erst 300 Jahre später aus, dann aber wortgewaltig und rassistisch. Nach der Pest des Judentums, über die damals Erasmus von Rotterdam noch berichtet hatte, brach wieder eine Pestepidemie aus. Der Bazillus dieser Pest hat es in sich. Die Menschen, die gegen diesen Bazillus immun sind, werden immer weniger und immun sind meist die Menschen dort wo es noch Völker gibt. So meinte das Nietzsche, als er über den Götzen Staat berichtete; also sprach Zarathustra.

Um das alles zu verstehen müssen noch einmal die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen im 12. und 13. Jahrhundert studiert werden, die selbstverständlich heute nicht mehr zum Lehrstoff der Schulen gehören sonst könnte eine andere Aufklärung in Gang kommen, die das Räsonieren über den Raub und die sich darin entwickelnden kapitalistischen Produktions- und Denkweisen ins Zentrum allen Bemühens des Erkennens stellt.

Dieser Stoff ist einfach und einleuchtend; dafür braucht man nicht erst erwachsen werden. Wenn aber zu früh gehört und die Neugierde noch voll die Ausbildung des Gehirns eines Menschen vorantreibt, ist er gefährlich. Verschließt in dieser Zeit besser den Kindern die Ohren. Erzählt ihnen von Thronen und Kronen, darüber braucht nicht deutlich gehört werden. Sie erinnern an die Märchenbücher, die ihnen früher vorgelesen wurden. Sie bereiten die Kinder in der Schule auf eine Romantik vor, mit der es sich hierzulande gut leben lässt. Die Noten sind eindeutig, prüfbar und gut geordnet. Wundert euch aber nicht wenn das Interesse dafür oft so gar nicht vorhanden ist; Kinder sind klug, solange sie nicht missbraucht werden. Und heute werden die Kinder massenhaft missbraucht. Nicht nur, dass man ihnen die Ohren mit Stöpseln verschließt, damit sie den Ramsch besser hören können, die von ihren modernen Smartphones nach der Demodulation von den erwachsenen Taktgebern generiert werden. Schon in den Grundschulen werden sie erzogen, dass das Oberflächliche, das die Kinder als Erstes sehen, ein ewiges Wahr sei: sie sollen leben in den besten aller Zeiten, die Leibnitz allerdings überhaupt nicht so erlebt hat; was anderes gäbe es nicht.

Nicht die Vernunft, die seit jener Zeit sich vom Mythos der Religionen entledigt hat und gerade noch rechtzeitig halbiert werden konnte, dass sie als praktische Vernunft das nach außen gekehrte gesittete Leben der Bürger nicht berührt: Als praktische Vernunft hat sie das quid pro quo, das erst den Raub unauffällig macht, in die Gesellschaft nach und nach eingebracht und heute alles diesem Prinzip unterworfen.

Diese Medizin musste den Menschen verordnet werden und vor allem denjenigen, die noch guten Willens waren, der dem freien Willen des Erasmus entsprach und mit dem unfreien Willen von Luther überhaupt nichts anfangen konnte. Sie sind noch heute erschrocken von dieser Bevormundung durch einen Glauben, der ihnen von neuen Herren nicht nur angetragen, sondern dem sie sich unterwerfen mussten. Ihr Seelenheil sei vorbestimmt, darüber ist nicht mehr zu reden. Das „mutuum date nihil inde sperantes“, dass bisher Vorbild und moralische Orientierung in ihrem entbehrungsreichen und armseligen Leben war, sollte endgültig in Vergessenheit geraten. Vielerorts wurde es auch vergessen und heute würden die Politiker weiß Gott was dafür geben, wenn sie ihn endlich auch endgültig loswerden könnten, den Lukas, der nach Matthäus auch nicht mehr in ihre Zeit passt. Sie tun alles damit wenigstens nicht mehr bei ihm gelesen wird und wenn dann abgeschieden und leise, flüsternd gar: Keiner soll es hören. Es sei uncool, wie ihre Kinder auch sagen. Die Gefahr ist latent, das Lesen könnte eine neue Aufklärung begründen, die das Schlächtige, meist Abschlächtige, dessen Blut Luther gern am Halse trug und der sich auch öffentlich dazu bekannte, genauer untersucht; die erinnern lässt, dass die Bauern in einen letzten hoffnungslosen Krieg aufbrachen, als sie ihnen die Allmenden wegnahmen und damit den letzten Rest freien Lebens abschafften.

Nur noch im Schweiße des Angesichts arbeitend, freudlos, unfrei, dem Willen eines neuen Gottes unterworfen, den sie gestern noch gar nicht kannten und von dem ihr Pfarrer Müntzer noch ganz anders berichtet hatte. Thomas Müntzer hat die Liturgie geändert und sich zum Volk gewandt! Eine Geste, die Luther bei ihm abgeschaut und zur Blasphemie herabgewürdigt hat. In die neuen protestantischen Gotteshäuser, in denen es so düster zuging, wollten sie nicht hinein. Das Leben war draußen düster genug und die wenigen Freuden, die natürlich oft gegen die Worte des Herrn verstießen, konnten noch zu Lebzeiten verziehen werden: mit drei Ave-Maria und einem Vater-unser wenn man Schlimmeres tat und gar kein Geld hatte; in der Beichte. Im Zwiegespräch mit ihrem Pfarrer konnte ihnen verziehen werden und mit ihm konnten sie über ein tugendhaftes Leben sprechen, das sie auf der Suche nach Gott führen wollten. Die Sünde selber und ob es überhaupt Sünde war, die sie zur Beichte geführt haben und die ihnen verziehen wurde mit der Absolution, darüber zu urteilen, war nur Gott vorbehalten. Deshalb entschieden sie sich für Gott und suchten ihn. Das ist das Absurde des Glaubens: Sie suchen Gott obwohl sie wissen, dass sie Gott nicht finden können. Aber sie waren entschieden in ihrer Suche, der ihren persönlichen freien Willen ausdrückte und das natürliche Recht auf Selbstbestimmung verkörperte. Ihr Recht, das kein Fürst in Frage stellen kann, denn dieses Recht entspricht göttlichem Recht und das hat ein Fürst nicht. Dieses Naturrecht steht über dem Recht der Fürsten. Dieser Überzeugung widersprach Luther und mit seiner Lehre beugte er das Haupt der Bauern unter das Fallbeil der Fürsten. Wer sich jetzt nicht sofort freiwillig beugte, dem wurde das Haupt abgeschlagen; er wurde gebeugt. Gebeugt durch das Recht der Fürsten, das keinesfalls als göttliches Recht behauptet werden kann. Das ist die Frohbotschaft des Protestantismus: Gott ist tot, es lebe der Fürst, es lebe das fürstliche Recht.

Die Zeit des römischen Pontifex endete. Im eigenen Staat, der deshalb aber kein Gottesstaat war, konservierte er sich nachdem Napoleon am Ende als Sieger hervorging. Wollen wir die Überlegungen, wie dieser Planet jetzt noch gerettet werden kann ernsthaft weiterdenken, müssen wir zurück und beim Pontifex in Avignon nachschauen; eine Geschichte, die heute kaum mehr einer kennt und die uns am Ende nach Kuba führen wird.

Dort in Südfrankreich war der Boden noch bestellt. Unter dem Fürsten wurde er verwaltet streng nach dem Evangelium nach Matthäus. Deshalb steht die Bulle Uncam Santan aus dem Jahr 1302 im Zentrum dieser Geschichte: Das Primat der römischen geistlichen über die weltliche Macht sollte nach langem Streit, der nach dem Konkordat des Jahres 1122 erst recht jetzt ausbrach, wieder durchgesetzt werden obwohl es mit dem Konkordat längst gefallen war; das wusste der Pontifex aber nicht. Ein Primat, das nicht geteilt werden durfte, das nicht geteilt werden kann, sonst wäre es kein Primat: Da wird auch nicht verhandelt, das ist kompromisslos, wie jede Bulle das Wort bis dato eines Pontifex war. Da aber irrte der Pontifex sich. Es wurde im Konkordat des Jahres 1122 verhandelt, das konnte nicht rückgängig gemacht werden.

Das ist lange her und zum besseren Verständnis muss dieser Zeit entgegengegangen werden mit Ereignissen, die verstanden werden können weil noch lebendig und sehr wahrscheinlich wahr. Alle Dokumente zeugen davon, liegen vor und die, die diese Zeit erlebt haben, leben noch.

Die Zeit des Mauerfalls ist Ausgangspunkt für die rückwärts angetretene Reise; diese Zeit kennen noch die Meisten. Das gesamte sozialistische System war zusammengebrochen und manche Mauerstücke, die mit Pickel ud Vorschlaghammer materiell und ideell zertrümmert wurden, trafen Cuba hart was nun wirklich nicht sofort verstanden werden kann weil Mauerstücke gar nicht soweit fliegen können. Aber wir sind längst gezwungen, das anders zu betrachten und alles unter der weltweit errichteten Herrschaft des Rechts zu verstehen was meist außer Acht gelassen wird: Es wurde schon darüber geschrieben: Das soll keiner merken! Aber nur so können wir die Losung des Comandante verstehen, die in Permanenz gilt: Vaterland oder Tod. Da ist keine Revolution mehr nötig, sie muss allein bewahrt werden. Dort in Kuba traf der Stein und doch beugte sich keiner. Das stimmt nicht ganz: Am 5. August 1994 rannten Einige auf die Straße. Kant nannte sie früh schon den Pöbel und deshalb sprechen wir vom kantischen Pöbel wenn wir diese Szenen meinen: "Filmt das damit die Welt sieht was in diesem Land passiert", so rief es ein Gehetzter in Havanna einem Kameraman der internationalen Presse zu, die ständig Kuba unter besondere Beobachtung hält. Dieses Ressort war von den Großen der Weltpresse immer besetzt und meist staatlich finanziert; da lauerte man. Einer Intervention der Mächte von außerhalb des Landes kam er persönlich zuvor; Fidel Castro lief selbst auf die Straße. Ungeschützt. Er sprach inmitten der Menge mit ihnen in seiner unverwechselbaren Art. Böse Stimmen behaupten, er hätte wie immer zu lange geredet deshalb wären sie wieder nach Hause gegangen. Aber das wird anders gewesen sein denn sonst wären sie wiedergekommen, immer wieder; aber sie kamen nicht mehr und verstört schaut die Weltpresse seither nach Cuba.

An jenen Tagen des Mauerfalls spürten die Menschen in Kuba was es bedeutet, das Copyright, das Lizensrecht, das es unmöglich macht, Medikamente im eigenen Land selbst herzustellen wo doch alle Substanzen vorhanden und bekannt sind. Sie mussten auch akzeptieren, dass das Recht längst nicht mehr den Überlegungen früherer Staatstheoretiker wie John Locke oder David Hume folgt, die noch eine beidseitige Willenserklärung in den Mittelpunkt ihrer Entwürfe stellten, wohl wissend, dass mitunter dem Willen eines Vertragspartners gehörig nachgeholfen werden muss. Sie lernten das Diktat kennen, das bereits die Kinder üben und es ihnen selbstverständlich scheint, dass da nicht mitzuwirken ist außer, dass man Buchstaben für Buchstaben dem Diktator zielstrebig folgt, und jeder kann sehen wo heute der Diktator sitzt, der über die Welt herrschen will. Die Menschen in Kuba leiden besonders unter ihm und mussten ihre Tagesrationen an Lebensmitteln noch einmal kürzen, obwohl diese in all den Jahren zuvor schon sehr kurz waren. An Benzin war gar nicht mehr zu denken. Aber hier kam ihnen die Topografie ihres Landes entgegen; alles konnte letztlich dann doch noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt werden. Die Uhren gehen in diesem Land ohnehin ganz anders. Sie werden vom Leben getaktet und nicht von der Wirtschaft; man hat ja eh nichts was nach Wohlstand aussieht: diesen lebt man besser. Jeder der es wissen wollte konnte es wissen: schwarz auf weiß und ganz im Sinne Goethes: „Denn was man schwarz auf weiß besitzt kann man getrost nach Hause tragen.“ Sie trugen es nach Hause und waren froh über das Wenige aber gesicherte, was ihnen schwarz auf weiß seit 3 Jahrzehnten zugesichert war, jetzt aber wegfiel. Der Zusammenbruch der Sowjetunion beendete das "mutuum date nihil inde sperantes" des Lukas. Ausgerechnet von einem gottloses Staat begründet und zwischen gottlosen Regierungen verabredet spielte sich die Tragödie ab, die Dank des Wandels der Strategie des Comandante nicht zu einer Endzeittragödie sich weiter entwickelt hat: Er zog seine Uniform aus und ein weißes Hemd an. Natürlich ohne Kravatte sonst wäre alles Verrat gewesen. Dass er zuletzt einen Adidas-Trainingsanzug trug wird seinen Feinden geschuldet sein; im Alter überwiegt dann doch die Ironie und man gönnt den Feinden: die sehen Derartiges gern. Aber dieses Symbolische weist auch in eine Zukunft, die dann doch wenigstens einen kleinen Wohlstand gemeinsam mit Allen erhoffen darf, der auch privater Natur sein soll und einem staatlich verordnetem Wohlstand die vorletzte Türe weist, bevor sich die letzte Türe öffnet.

Bevor der Weg rückwärts weiter gegangen wird muss der Reisebegleiter etwas über sich sagen damit wir wissen mit welchen Augen und Ohren er unter uns ist. Weshalb er dieses Kuba erwähnt hat und weshalb ausgerechnet dort diese Reise enden soll. Das Wetter ist gut dort, so passt das schon und dem Fremden soll es dort auch gut gehen, wenn er Devisen ins Land bringt; aber verstehen kann man das nicht. Er sieht und hört auf viele, die alles schon geschrieben haben und hier nur ausgewählt, keinesfalls aber erwählt wurden. Aber Geduld, lesen wir erst einmal bei Leo Kofler:

"Man mache sich nichts vor: Es gibt keine gesellschaftliche Freiheit ohne Freiheit für das Individuum, das nach Autonomie, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit strebt, und das, solange es menschliche Geschichte gibt, unter Freiheit die möglichste Freiheit von allen Schranken und Bindungen verstanden hat, versteht und verstehen wird. Im Vergleich zu den vorangegangen Gesellschaftsepochen stellt die bürgerliche Gesellschaft innerhalb der Klassengeschichte die letzte und höchste Form der Freiheit dar. Aber es ist ein Irrtum der bürgerlichen Ideologie, diese Form der Freiheit mit der absoluten Freiheit gleichzusetzen. Denn die bürgerliche Freiheit, die dem Individuum in weitgehendem Maße freie Bewegung gewährt, stellt gleichzeitig eine Form dar, die eine solche Freiheit nur vortäuscht, indem sie unter dem Schein der Freiheit die Weiterexistenz starker freiheitsbeschränkender Bindungen, d.h. wesentliche Elemente der Unfreiheit, nicht bloß zulässt, sondern geradezu voraussetzt. Der Widerspruchscharakter der bürgerlichen Freiheit ist Ausdruck des Widerspruchscharakters der bürgerlichen Klassengesellschaft überhaupt. Er liegt begründet in der Tatsache, dass einerseits in der bürgerlichen Gesellschaft das Individuum – jedes Individuum – als völlig autonomer und gleichberechtigter Warenbesitzer und damit als völlig autonomer und gleichberechtigter Vertragspartner auftritt, andererseits aber der einseitige, d.h. ganze Klassen ausschließende Besitz an den Produktionsmitteln gleichzeitig diese Autonomie und Gleichberechtigung der Individuen aufhebt. Der durch diese Tatsache ausgedrückte Widerspruch ist der Widerspruch zwischen dem bloß rechtlichen (formalen) und dem auf dem Besitz beruhenden faktischen (sozialen) Zustand in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Aufhebung des Widerspruchs zwischen der formalen Freiheit und der sozialen Unfreiheit bedeutet die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt. Sie ist innerhalb dieser Gesellschaft nicht möglich."

Oft wird deshalb ganz der hegelschen Dialektik folgend von der notwendigen Revolution geschrieben. Warum der Autor in seinem Buch aber vom Ende der Revolutionen schreibt, ist ohne Weiters auch nicht zu verstehen. Allerdings schließt dieser Titel die Permanenz der Revolution mit ein, womit schon wieder Castros Kuba gemeint ist. Deshalb sollten wir den Weg gehen, um zu verstehen, weshalb unser Begleiter bezüglich seinen Überlegungen zunächst von der Pest des Protestantismus schreibt und dann einen anderen Weg gehen will. Seinen Kindern hat Janusz Korczak die Worte mitgegeben, die uns weiterführen würden, wenn wir ihm als Erwachsene zuhören würden. Sie tun es nicht. So wird uns der Weg über Kuba führen müssen, was wiederum kaum zu verstehen ist. Kommentare sind erwünscht; es soll kein Schweigemarsch werden.

Grundlegende Gedanken, die uns auf diesem Weg begleiten sollen, können unterwegs diskutiert werden. Zentral wird die Frage sein: "Was braucht der Mensch?" Diese Frage bildet sozusagen den Kompass, den wir auf diesem Weg zurück durch die Geschichte benötigen, sonst verirren wir uns. Viel ist passiert, vieles verändert sich aber wohin sollen wir schauen? Versuchen wir eine vorläufige Antwort zu geben; kalibrieren wir unseren Kompaß.

Einen Platz, besser einen Raum, damit er von oben auch geschützt ist. Warm sollte es im Innern sein, so dass menschlich in ihm gewohnt werden kann. Einen Stuhl, einen Tisch, ein Bett. Einen Schrank, ein Waschbecken, eine Toilette; soviel Komfort muss sein. Das Drinnen ist damit schon ordentlich beschrieben. Firlefanz wie eine Uhr ist natürlich möglich und oft notwendig, meist aber genügt eine Sanduhr, so dass ein Ei auch wachsweich gekocht werden kann. Dieses führt dann bereits nach draußen zu den übrigen Lebensmitteln, die drinnen nicht erzeugt werden können. Gesunde Lebensmittel. Gesundes Brot. Reines Wasser. Will heißen, da muss eine Natur sein, ein Boden, der eine Produktion gesunder Lebensmittel ermöglicht, und der Wille dazu muss da sein, ein freier Wille.

Die Zeitungen schreiben, und vorallem die, die es gar nicht gut mit ihr meinen, dass Greta Thunberg nur deswegen den Freitag als Streiktag der Schule vorgezogen habe, weil sie von dem Film Plastic Planet geschockt wurde. Neben dem menschenverursachten Klimawandel ist dieses Verbrechen der Menschen ebenso widerlich. Diese Belastung der Meere und der Erde hätte wie der Klimawandel vermieden werden können wenn diese Sucht nach Komfort, die überhaupt keine natürliche ist sondern zu der die Menschen von Beginn ihres Lebens erzogen werden, rational entwickelt worden wäre. Heute denkt keiner mehr darüber nach weshalb die erste Flasche, die den Kindern in die Hand gegeben wird, aus Plastik ist. Praktisch sei es und das Kind könne sich sonst verletzen. Das Kind muss begreifen, begreift mit den ersten Tagen seines Erdendaseins nicht nur das Plastik sonder auch eine Logik, die keinesfalls dem Kind eigen ist. Das darf nicht sein, das verbiete die Vernunft. Aber die Entwicklung einer rationalen Logik des Kindes wird so von Anfang an erschwert. Das Kind wird missbraucht und soll der Logik der Welt gehorchen, in der die Pest wütet; einer Logik, von der sich das Kind später nur mit entbehrungsreichen Kämpfen erst wieder befreien muss, um menschlich werden zu können; um eine Logik zu entwickeln, die sich klar unterscheidet von der Logik der Anderen und uns Lebensmittel ermöglicht, die natürlich sind, die den freien Willen von Menschen ausdrücken. Selten hat das Kind das Glück, nicht erzogen zu werden. Nach der Flasche greift das Kind zum Spielzeug, das ist natürlich, nicht aber das Spielzeug, das ihm gereicht wird. Als Spinner werden wir bezeichnet wenn wir das Holzspielzeug und die Strohpuppe zum Inbegriff des Spielzeugs überhaupt behaupten. Diese Gesellschaft ist krank, schwerkrank. Sie erkennt nicht, dass sie zum Schlachthaus geführt wird und mit ihrem Tod erst den Ungeschlachteten beweist wohin radikaler Nihillismus führt: Nicht einmal das Fleisch der Geschlachteten wäre genießbar weil plastikverseucht und, ich hätte es fast vergessen, dieser Bazillus auch in ihm steckt. Wacht auf! Ihr zerstört den letzten Rest an Humanismus, der doch nicht nur in die Bücher geschrieben werden darf; das ist kein Humanismus. Wir leben in der Zeit des Irrationalen, die der frühen Zeit des Mythos rational noch nicht einmal folgen kann. Wir verirren uns; schau auf den Kompass.

Die erste Wegstrecke sollten wir wortlos gehen. Die Geschehen dort links und rechts neben dem Weg schnüren uns eh die Kehlen zu; vorbei an den Konzentrationslagern weltweit. Diejenigen, die sie erbaut haben waren Menschen wie du und ich. Sie dachten anders doch das ist entscheidend. Schreckliches mussten sie erlebt haben sonst hätten sie das alles nicht bauen können; keiner hätte die Öfen errichtet, alle wären sie ungehorsam geblieben. Diese Lager haben sie errichtet, weil sie die gerade mit den Anderen und mit Gewalt geschaffenen Nationalstaaten sichern mussten oder weil sie sich als Übermenschen rassenrein wähnten und alles Artfremde vernichten wollten. Der erste Imperator der Anderen Napoleon Bonaparte hat den Völkern im Jahrhundert davor, das auf unserem Weg rückwärts jetzt vor uns liegt, wie früher das Land genommen; dieses Jahrhundert war im Wesentlichen davon geprägt. Davor gab es noch Landschaften, die für die Menschen Heimat waren. Ein Begriff, der inzwischen unmodern geworden ist und eines Tages zum Unwort erklärt werden wird wenn alles so weitergeht. Dort, wo Heimat noch verstanden wird, zeigen sie auf Rückständiges, das besser beseitigt werde. Sie brauchen Platz für ihre Kaufhausmeilen und Fabriken; für ihre Arbeit im Schweiße ihres Angesichts und der anderen, die nicht arbeiten. Die zählen ihr Einkommen, das die da, im Schweiße ihres Angesichts, besorgt haben; sie behaupten, dass sie arbeiten obwohl sie nicht arbeiten. Wir gehen weiter, diese Zeit liegt jetzt hinter uns.

Nachdem wir aus diesem Jahrhundert heraustreten sehen wir blühende Landschaften, darin wie eingebettet Bauernhöfe, kleine Ansiedlungen von oft nur drei, vier Höfen und seltener aber immer wieder Städte, die noch Vorgärten haben. Klar, die Landschaften waren nie ihr Land gewesen, das wissen wir. Sie gehörten niemandem wenn wir einmal von diesem Gott absehen, von dem sie behaupten, dass er den Herren das Land geliehen hat; sie müssten es jetzt bearbeiten, was eben gottgefällig sei und so auch geschah. Seht hin, wir wandern bereits in einer Zeit, in der die Landschaften noch nicht zerrissen und in das Korsett der Nationen geschnürt waren, wir wandern über Lehen. Als Lehen wurden sie auch damals betrachtet, durchwandert und manche gründeten dort Familien und ernährten sich von den Früchten und dem Korn der Erde, das sie angebaut haben. Dafür mussten sie die Fron für die Herren leisten, die ihnen sagten, dass er sie auserwählt und ihnen das Land geliehen habe. Es sei deshalb ein Lohn zu entrichten; auch dafür, dass sie auf diesem Boden arbeiten dürfen. Sie haben immer sehr einfach gedacht und gelebt. Denn nur wenn da jemand ist, dem das Land gehört, können die Besetzungen der Landschaften als Besitztümer den einfachen Menschen erklärt werden. Dafür haben sie eben Gott gebraucht, anders ging das nicht. Im Dorf erzählen uns inzwischen die Leute, dass in Frankreich die Bürger ihren König geköpft haben. Wir schreiben das Jahr 1793, es ist kalt.

Wie weit noch gegangen werden muss wird gefragt. Erzähle doch einfach was noch kommen wird; dann können wir umkehren; der Weg nach Kuba ist weit genug. Gerne wäre ich noch weiter gegangen, wenigstens noch ein paar Schritte, damit wir uns setzen können. Zwar liegt dann diese Revolution hinter uns, aber wir können uns von den Heimkehrern berichten lassen, was in der neuen Welt passiert, nachdem sie ihre Unabhängigkeit von ihren europäischen Müttern erklärt haben. Am Ende unserer Reise, sozusagen auf dem Höhepunkt der Reise rückwärts, trafen wir ihn, der es besonders genau wusste: Thomas Jefferson. Er sagte, er wäre gerade erst angekommen und werde sofort nach Paris reisen. Bis ins Jahr 1789 wolle er dort bleiben und als Botschafter der endlich Vereinigten Staaten von Amerika sein Land vertreten. Mit ihm sollten wir also wieder vorwärts reisen und werden über das Jahr 1789 hinaus uns beeilen, um noch mit ihm François-Noël Babeuf sprechen zu können, bevor er auf Befehl dieses Napoleon Bonaparte geköpft wird und sein Kopf neben die Köpfe von Danton, Sant-Just und Robespierre gelegt wird; von diesen brauchen wir nicht berichten wenn wir zurück sind, diese werden heute in den Schulen noch behandelt und in den Theatern aufgeführt; Babeuf nicht oder nur selten und nur, wenn einer immer noch Zweifel daran hat, dass der Boden, auf dem wir wandern, das Eigentum von Herren sein soll.

Wie er die Menschenrechte verfassen konnte, wenn er doch zuhause Slavinnen und Sklaven halte, eine Sklavin sogar mehrfach geschwängert habe; wie das zusammenpasse? Er kenne doch den Code Noir, dieses Schreckensdokument, das Colbert extra für sein Land geschrieben habe. Warum er ihn nicht außer Kraft gesetzt habe? Wir beruhigten unseren Freund und Reisebegleiter. Er hatte und musste viel sehen auf diesen 220 Jahren rückwärts, da bricht manches unkontrolliert heraus. Thomas Jefferson indes blieb ruhig. Er schien nicht überrascht zu sein. Als Anwalt und Politiker war er aber auch mit allen Wassern gewaschen; dem machte keiner etwas vor. Nach einer Weile antwortete er ernst, er werde eine Bibel schreiben, keine katholische, das sei sicher. Seine Bibel werde Dr. Martin Luther neu beleben, die Zeiten hätten sich geändert; aber noch studiere er. Er werde seine Bibel im Jahr 1804 schreiben. Sie werde knapp und gut lesbar sein; Jeder werde sie verstehen.

Das war ein merkwürdiges Datum. Wir müssen zu diesem denkwürdigen Jahr 1804 wieder vorwärts gehen. Zwei Codes, die im selben Jahr ans Licht der Welt geführt werden. Der eine heimlich, der andere tryumphal. Es lohnt sich, beide zu studieren: den Code Napoleon und diesen Code Jefferson.

Hier verweilt der Autor erst einmal. Noch soll das Weitere dem Buch überlassen bleiben.

Postscriptum: Thomas Jefferson schrieb tatsächlich seine Bibel. Er schrieb sie nicht neu und genau betrachtet schrieb er nichts. Er besorgte sich verschiedene Übersetzungen der Bibel, die er alle entscheidend auf genau 84 Seiten kürzte; ein klarer Schnitt, er war ein Bastler: Mit einer Rasierklinge schnitt er alles aus was in den Bibeln als Heilsbotschaft noch enthalten war. Vor allem die Auferstehung mitsamt den übrigen Wundern durfte nicht sein. Das "De servo arbitrio" musste den Verhältnissen angepasst werden. Wo kämen wir hin wenn der Lazarus, von dem Johannes berichtet, weiterhin die Hoffnung der Menschen beflügelt? Heilungen müssen längst bezahlt werden und allein das ist Vernunft. Deshalb musste die Trinität, die noch Luther in seiner Bibel verteidigte, jetzt ebenfalls ausgeschnitten werden. Ein Jesus kann keinesfalls dem Willen des Herrn widersprechen und seine Vorsehung revidieren. Er studierte das Bakterium, das die Pest auslösen kann unter dem Mikroskop; er entfernte alle Andocksstellen, mit dem ein Anti-Bakterium diese Pest des Protestantismus noch hätte heilen können. Seine Studien unternahm er in der Zeit als die Bürger in Paris die Revolution durchführten. Seine revolutionären Schnitte mit der Rasierklinge übertrafen die französischen Vorbilder. Ohne dass er es bemerkte schuf er nebenbei ein weiteres Bakterium, das der Pest Paroli bieten sollte: die Cholera. Gemeinsam, aber das wurde bereits geschrieben, wählten sie das Jahr 1804 für die Fertigstellung obwohl, das dürfen wir vermuten, sie sich nicht abgesprochen haben. Das konnte auch keine ahnen.

Stefania Wilczynska und Janusz Korczak lasen übrigens nicht bei Thomas Jefferson. Stefania konnte gar kein Englisch lesen. Wir trafen sie kurz nachdem wir diese Zeitreise angetreten haben und wir schweigend an den Vernichtungslagern vorbeigingen. Sie wussten, dass der Mensch kein Recht hat die Seelen der Kinder zu belasten; sie glaubten fest an die Seelen der Kinder. Sie lasen andere Bücher, Bücher der Hoffnung, und lasen sie den Kindern noch vor als die Gaskammer längst vorbereitet war. Sie widersprachen allem Glauben, auch dem katholischen: Ihren freien Willen setzten sie über das oberste Gebot Gottes, das auch in der Trinität Gottes zu bewahren ist: sie wussten genau, dass sie sich für den Tod entschieden als sie mit den Kindern die Gaskammer betraten. Hier triumphierte das Humane über allen Glauben. Diese Menschen sind immun, sie tragen eine natürliches Antibiotikum in sich. Das Antibiotikum eines Glaubens an eine künftige Gesellschaft der Freien und Gleichen. Den Kindern sind sie immer sehr nah gewesen, damit dieses Antibiotikum so früh wie möglich die Kinder ansteckt und in ihnen für ein ganzes Leben lang wirkt.

Posted by Michael Schwegler at 10:56
Edited on: Donnerstag, 21 Mai, 2020 9:58
Categories: Hintergrund