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Montag, 27 Januar, 2020

Sei kein Zuschauer,

das wünschten sich nicht nur Überlebende der Shoa, das wünschen sich viele der Überlebenden. Einer wünschte sich, dass „sei kein Zuschauer“ als 11. Gebot den übrigen 10 Geboten des alten Testaments hinzugefügt werde. Er wünschte sich keine Rache, er wünschte sich nur dieses 11. Gebot.

Eine andere, eine Frau, überlebte Auschwitz, wohin sie als Kind gebracht wurde. Sie überlebte als hätte Gott seine Hand über sie gehalten. Das sagen oft die Gläubigen, wenn es um Kinder geht, die doch besonders beschützt werden müssten. Aber das stimmt nicht: Gott war gar nicht da, nicht bei den Kindern und auch nicht bei den Erwachsenen; er war einfach nicht da, damals in Auschwitz, in Treblinka, in Dachau, in Bergen-Belsen und in den weiteren Hunderten von Vernichtungs- und Konzentrationslagern weltweit: Nie war er da. Nur die Mörder waren überall da, die immer überall da sind und unter uns leben. Sie bedienen sich des öffentlich geduldeten Rassenhasses, den Luther schon predigte und halten sich im Training; sie sind immer bereit. Der Staat schaut nicht hin; er schaut weg.

Die praktizierenden Katholiken verbieten ihn auch nicht: „Die haben unseren Jesus ans Kreuz genagelt!“ So rief das eines Tages meine Mutter. Ich fragte sie, als ich längst erwachsen war. Sie meinte nicht die Protestanten, sie meinte die Juden, was ihren Rassismus katholischer Prägung nicht entschuldigt, im Gegenteil. Der Bruch war plötzlich und vollständig. Ich fragte sie nie wieder etwas.

Dem Wusch der Überlebenden werde ich nachkommen und nie wegschauen. Das fällt mir nicht schwer; ich schaue nie weg und deshalb schreibe ich wenn ich zur Ruhe komme. Das Gebot „sei kein Zuschauer“ werde ich als 2. Gebot nach dem 1. Gebot: „Du sollst nicht töten“ immer beachten und vor alle anderen Geboten stellen. Die übrigen Gebote kenne ich eh kaum mehr und über das Gebot „du sollst nicht begehren deines nächsten Weib“, habe ich schon geschrieben.

Mit diesem 2. Gebot kann es Versöhnung geben und mit diesem Gebot wäscht auch keine Hand mehr die andere; diese Hände halten sich und sorgen sich um das Gemeinsame.

Wir, die erste Generation nach 1945 haben nie gelitten wie diejenigen, die das Grauen von Auschwitz noch erleben mussten. Wir gehören zu einer Generation von scheinbar Auserwählten. Wir sind aber nicht auserwählt und überall um uns herum sprechen längst wieder die Waffen. Auch in Europa, das sie unter allen Umständen nach dem verheerenden Krieg endlich befrieden wollten und dafür politisch viel taten bombten sie bereits wieder. Völkerrechtswidrig zerschlugen sie endgültig den als blockfreies Hoffnungswerk nach 1945 gegründeten Vielvölkerstaat der Sozialistischen Förderativen Republik Jugoslawien, der uns damals schon die Richtung anzeigte, in der wir gehen sollen. Auch daran sollte 75 Jahre nach Auschwitz gedacht werden. Damit auch dort hingesehen wird obwohl dort inzwischen Vieles heute trostlos leer ist. Da war es schon einmal anders, bevor auch dort die Konsumgesellschaft einzog.

Als einziges Land in Europa wurde während der Phase, in der sich die alten Systeme um dieses Land herum restaurierten und dem heißen einen kalten Krieg folgen ließen, das Ableben des Staates friedlich diskutiert.Der Staat sollte die Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft als einen letzten Akt sich aneignen, um dann als Staat absterben zu können. Der Begriff des gesellschaftlichen Eigentums müsse vom Staatseigentum strikt unterschieden werden. Staatseigentum müsse dem Sozialismus jugoslawischer Prägung ebenso fremd sein wie das Privateigentum, da es ein Monopol wirtschaftlicher und politischer Macht darstellt und damit zur Ausbeutung der Menschen beiträgt. Das war klar die Richtung, in die gegangen werden muss, wenn der Grund und Boden wieder herrenlos werden soll, wie ihn vor sehr langer Zeit die Natur einmal erschaffen hat. Eine lange Zeit waren die Menschen nur der Natur unterworfen, was schwer genug war, und die Menschen entwickelten sich in direkter Auseinandersetzung mit der Natur. Die Apologeten der Herrschaft von Menschen über Menschen behaupten diesen Naturzustand zum Ausgangspunkt ihrer Ideologie vom Segen, der von den ersten Herren ausgegangen sei, um die Menschen vor sich selbst und der Natur zu beschützen. Sie waren schon immer verlogen, wie heute ihr Staat lügt.

Als Studenten schauten wir nach Jugoslawien, besuchten das Land und sahen vor Ort. Peter Handke schaute auch vor Ort und erzählte viel über Jugoslawien; er verstand sich hervorragend im Schreiben. Darüber wie sie, die Vertreter der westlichen Wertegemeinschaft, deshalb Peter Handtke heute in ihren Medien behandeln, muss nicht berichtet werden. Darüber berichten die Anderen, da müssen wir nicht lesen.

Während unseres Studiums schauten wir fast zwangsläufig irgendwann nach Auschwitz. Damals wurde von Auschwitz in keiner Schule berichtet, in der die Alten unterrichteten, die nach dem Krieg dort wieder arbeiteten, nachdem sie ihre Hemden und Hakenkreuze wieder in ihren Schrank gehängt hatten. Sie unterrichteten Staatsbürgerkunde und in diesen Schulbüchern kamen die Städte des Grauens, die damals doch ihr Staat eingerichtet hat, nicht vor. Orte, die deshalb mir bis ins Erwachsenenalter auch unbekannt blieben, obwohl die Lehrer sie kannten. Ich musste sie selber entdecken. Als ich die ersten entdeckt hatte tauchten in erschreckend hoher Zahl die anderen auf. Die Mauer des Schweigens war durchbrochen. Sie blieb aber stehen und rührte sich weiter nicht.

Sie muss aber vollständig eingerissen werden. Aktuell erlebt der Autor von endederrevolutionen diese Mauer des Schweigens. Nach immerhin 75 Jahren in einem Dorf in Niedersachsen wurde der Landrat gebeten, alles zu tun, damit dieser Gemeindesportplatz umbenannt wird. Felix Linnemann heißt seit vielen Jahren dieser Sportplatz, auf dem schon lange mehr kein Fußball gespielt und keine Sportereignisse mehr stattfinden. Der Platz wird von der Gemeinde gepflegt und nur der Umstand, dass direkt angrenzend die Grundschule diesen großen Platz für den Sportunterricht gelegentlich einmal nutzt wird der Grund sein ,dass dieser Platz nicht renaturiert wird.

Die Nachkommen der Nazis von Steinhorst könnten das Erbe ihrer Väter ablehnen; das Bürgerliche Recht erlaubt es. Dann wäre ein Neuanfang möglich: Die Kunterbunt-Grundschule könnte sich in eine Comenius -Grundschule umbenennen, so dass dort eine "liebliche Stätte der Menschlichkeit" eingerichtet wird. Sie wird es wohl auch schon sein, doch kunterbund sollte Lernen nicht organisiert sein, da sollte besser bei Comenius anstatt bei Astrid Lindgren gelesen werden. Bevor der Platz als Sportpatz gebaut wurde, mussten viele prächtige alte Eichen gefällt werden. Jetzt erreichte den Autor die Nachricht, dass ein ehemaliger Freund und heutiger Bekannter des Autors Dritten erzählt, dass er angeregt habe, diesem ehemaligem Nazi und SS-Schergen seine Gedenkstätte wegzunehmen. Er hätte ihn direkt fragen können, ob das wahr ist. Weshalb tat er das nicht? Plötzlich regt sich einiges im Dorf und die ersten schauen wieder weg. Über manches muss also künftig berichtet werden. Er will Vorbild sein und genau hinsehen. Alles soll veröffentlicht werden, was er sieht und was wahr ist. Wahr ist immer, was du selbst unmittelbar erlebt und was dir direkt von Angesicht zu Angesicht gesagt wurde. Ein anderes Wahrheitskriterium gibt es nicht. Die Nachgeborenen der Sinti und Roma könnten vom Gemeinderat zur einer jährlichen Aktion gegen das Vergessen an die schreckliche Zeit dieses Dorfes im Nazideutschland, als Steinhorts ein braunes Dorf war und stolz seine Hakenkreuze zeigte, geladen werden. Auf diesem Gemeindesportplatz könnten zum Zeichen der Völkerverständigung und um zu zeigen, dass heute Menschen guten Willens in Steinhorst leben, regelmäßig gemeinsame Feste und Veranstaltungen geplant und durchgeführt werden. Eine neue Generation, die eine neue Gesellschaft mit allen Menschen guten Willens stiften wollen, würde die Mauer des Schweigens und der Gerüchte für alle Zeiten beseitigen.

In unmittelbarer Nähe des Dorfes hat die SS ein Internierungslager bis 1945 unterhalten. Der Boden, auf dem die SS angeblich dieses Konzentrationslager von internierten italienischen Offizieren errichten ließ, soll dem langjährigen Bürgermeister des Dorfes früher gehört haben. Das ist aber wieder ein Gerücht, das genau so übel ist wie das Gerücht, der Autor von endederrevolutionen.de habe angeregt, dem 1948 verstorbenen Nazi und SS-Schergen Felix Linnemann seinen Gedenkstein auf dem Gemeindesportplatz wegzunehmen. Jetzt muss genau recherchiert werden, damit in diesem Dorf das politische Dunkel, das seit 1945 über dem Dorf liegt, weicht und das viele Bürger dieses Dorfs noch heute in einem geschichtlichen Schlaf hält.

Es war keine Vorsehung, es war Zufall: Dort auf einem größeren Erdhaufen ganz oben befand sich der Sandkasten schräg gegenüber dem Haus, indem ich die ersten sechs Lebensjahre verbrachte. Es muss täglich gewesen sein, dass wir in diesem Sandkasten spielten. Jedenfalls immer, wenn nicht im Kindergarten gespielt werden konnte. An weitere Orte erinnere ich mich kaum. Er war ringsherum mit Holzbrettern eingefasst, so dass wir ordentlich unsere Kuchen backen konnten, von denen wir mitunter sogar gekostet haben; das Spiel sollte echt sein. Echt war der Ort, von dem uns nie berichtet wurde, auch später nicht, als ich längst zur Schule ging und am Sandkasten nur noch vorbeilief. Ich bin mir sicher, dass die anderen Kinder auch nichts über diesen Ort wussten außer eben von diesem Sandkasten. Erst im Studium, als zum Lernen ein Forschungsdrang hinzukam, der vor allem bei jedem Zu- und Hinschauen immer die Begriffe verlangte, die das Gesehene erst völlig verständlich machten entdeckte ich, dass dieser grün bewachsene und ansonsten trostlose Erdhaufen, der noch heute von zwei Straßen und einem trostlosen Schulgelände eingefasst ist den Platz hergab, auf dem sie früher ihre Synagoge errichteten. Das fragte ich mich in Berlin fernab von zuhause wo denn in meiner Geburtsstadt mit immerhin 50.000 Einwohnern ihre Synagoge überhaupt stand. Diese Kleinstadt kannte ich auswendig und kein Hinterhof war mir unbekannt. Auch die Ortsteile waren mir vertraut und vor allem jener, dessen Namen mit Jebenhausen an sie erinnerte: „Dort wo die Juden hausen“ sollen sie noch im Jahr 1839 gesagt haben als Jebenhausen als Dorf mit 538 jüdischen Bürgern nahezu gleichviel Bürger hatte wie die dort lebenden Christen ausmachten. Dort hausten sie damals und heute schon längst nicht mehr. Am Reformationstag 1938 konnten sie dort nicht wüten, weil ihre Synagoge bereits im Jahr 1905 abgerissen wurde. Zuvor wanderten sie bereits aus oder zogen über den kleinen Hügel nach Norden in meine Geburtsstadt. Dort aber werden sie gewütet haben, da war ich mir sicher. Der braune Flecken in meiner Forschungsarbeit zur CSU in Bayern, in der auch die Wahlergebnisse der NSDAP zur Reichstagswahl im März 1933 akribisch und deutschlandweit eingetragen waren, hob sich auffallend das Gebiet meiner mehrheitlich von Protestanten bewohnten Geburtsstadt hervor und nur die katholischen Gemeinden ringsherum blieben dort weiß. Am Ende wurde ich in der Bibliothek fündig. Dort an meinem Sandkasten stand sie. Sie brannte in der Reichspogromnacht bis auf die Grundmauern nieder. Heute gibt es in meiner Stadt keine Synagoge mehr, zu wenig Juden leben wieder dort, die in ein solches Gotteshaus des alten Testaments hinein wollen.

Solange dieser Antisemitismus in Deutschland in den fruchtbaren Boden ihren Hass sähen kann, den die Pest des Protestantismus immer fruchtbar hält, werden sie dort auch nicht mehr hausen. Die Saat könnte wieder massenhaft aufgehen. Sie haben auch nie dort gehaust, sie haben dort gelebt.

Das Grauen von Auschwitz darf nie mit irgend etwas verglichen werden. Wir können Auschwitz deshalb nur still gedenken und sollten immer wieder unsere persönliche Stimme erheben und den Nachkommen berichten, so dass die Erinnerung nie verlöscht.

Der Zukunft, angesichts des dramatischen Anstiegs des Kohlenstoffdioxids, dürfen wir in dieser Sache nicht still gedenken; im Gegenteil: Wir müssen aufstehen und handeln wo wir können. Nicht Aufstehen, wie das die politische Linke versucht und nicht wirklich aufstehen wird. Sie sitzt und hofft auf Regierungsverantwortung, um ihr Programm der sozialen Gerechtigkeit politisch umsetzen zu können; als Kompromiss, wie alles im Kompromiss politisch verhandelt wird. So sagte das Frau Merkel vollkommen richtig, dass Politik das ist, was durchsetzbar ist. So werden sie immer handeln und erst aufstehen, wenn es zu spät ist: Sie werden sagen, dass es nicht durchsetzbar war, den Anstieg des Kohlenstoffdioxids zu stoppen und jetzt sei es zu spät: Nehmt Abschied Brüder und Schwestern. Das Drama der Postmoderne endet; der Faschismus endet.

Den aber wollten nicht nur die Überlebenden bereits nach ihrer Befreiung im Jahr 1945 beenden. Das wünschten sich auch viele damals im zerstörten Deutschland. Über diesen Wunsch muss nicht berichtet werden, obwohl wir hier schon immer in der Verantwortung standen. Sie werden sagen, dass die Verantwortung nicht durchsetzbar war.

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Posted by Michael Schwegler at 18:33
Edited on: Sonntag, 11 Oktober, 2020 11:20
Categories: Aktuelles