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Freitag, 03 Januar, 2020

Das Drama knapper Güter

Der Mensch muss essen. Das hat er mit allen Lebewesen gemeinsam; ohne Stoffwechsel ist kein irdisch Leben. Der übrige Stoffwechsel, dem oft ein wirklicher Stoff längst abhanden gekommen ist muss, muss den Maßnahmen zur Senkung des Kohlenstoffdioxis unterworfen werden; nicht durch Zwang, sondern über den Geldbeutel.

Am ersten Tag, nachdem Gott den Menschen erschaffen hat, soll das anders gewesen sein. Es wird behauptet, dass die ersten Menschen, die er nach seinem Ebenbild geschaffen hat, im Paradies gelebt haben. Milch und Honig sollen dort geflossen sein und alles war gut. Das habe ich früher auch so ähnlich gelesen nachdem ich selber mit dem Lesen begonnen habe und mich von meinen Vorlesern emanzipierte. Ob dieses eines meiner ersten Bücher auch gut war weiß ich nicht mehr, aber es wird stimmen. Ich stellte mir vor, dass ich den Mund fest schließen und die Luft anhalten werde, und ohne den Magen zu füllen auch hindurch käme. Durch den Brei, der das Schlaraffenland wie eine Stadtmauer umgab; dieser Ring aus Brei hatte keine Öffnung, durch die hätte gegangen werden können. Hier sollte ordentlich erst einmal gegessen werden. Aber diesen Brei mochte ich nicht. Er wurde mir täglich serviert und immer musste ich ihn essen. Außerdem hätte er meinen Magen gefüllt und so wäre kaum Platz mehr gewesen für alles, auf das ich in diesem Schlaraffenland hoffen durfte. Das, was inmitten dieses Landes frei an Bequemem und Köstlichem ausgewählt werden konnte wäre die Überwindung aller Knappheit gewesen, die bei uns vor allem in den Fastenzeiten damals doch sehr stark und den Kindern erst recht zu schaffen machte. Zu Schaffen machte es nicht wirklich, wir schafften ja nichts, aber entbehrungsreiche Zeiten waren es allemal. Vor allem der letzte Tag blieb in Erinnerung: Alles Köstliche, das in dieser Zeit anfiel und gesammelt wurde, musste abgegeben werden. Die in schwarz gekleideten Schwestern, deren Namen ich mit Schwester Kaba und Schwester Deigo La bis heute behalten habe und die lediglich ihre Stirn mit weißem Tuch bedeckten, nahmen derart freundlich diese Gaben entgegen und versicherten, dass sich ein Negerkind in einem schwarzen Erdteil jetzt freuen würde. Die Erde bei uns war nie schwarz. Als ich das meiner Mutter erzählte, klärte sie mich auf: Die Erde sei auch hier schwarz gewesen nachdem die Bomben fielen. Das aber geschah vor meiner Zeit. Ich war meine Gaben los und verstand das alles nicht ganz; geben wollte ich eigentlich nichts, ich wollte mich doch nur in diesen Wochen zurückhalten und auf Vieles verzichten. Aber ich lernte zu geben.

Ich komme zurück. Frei, auf dem Rücken liegend, empfing ich die Köstlichkeiten mit weit geöffnetem Mund, stopfte sie langsam in mich hinein, wenn sie nicht schon selber tief genug in meinen Mund hineingeflogen waren. Ruhig bin ich dagelegen und habe mir immer weitere Köstlichkeiten gewünscht aus Angst der Traum könnte bald enden. Er endete.

Es wird auch behauptet Eva hätte nicht nur dagelegen sondern sei aufgestanden und habe unvermittelt vom Baum der Erkenntnis gegessen. Adam hätte nur zugeschaut und vielleicht war er noch nicht einmal aufgestanden; er soll nichts begriffen haben. Er wusste wohl von Evas Sünde aber nicht was er jetzt tun könnte? Er hat ja auch nicht von diesem Baum gegessen, wie hätte er also wissen können? Er musste auch nichts essen. Im Paradies erfolgte kein Stoffwechsel, der Mensch war Stoff selber.

Den hatte Eva in Frage gestellt und deshalb hat sie von diesem Baum gegessen, was ihr aber ausdrücklich verboten war. So ähnlich wie diese Geschichte geschah das auch bei Pandora. Wie Eva war sie weiblich. Hephaistos hat sie nicht aus einer menschlichen Rippe sondern aus irdischem Lehm geschaffen. Aber wie Eva hielt auch Pandora sich nicht an die Gebote und öffnete diese gottverdammte Büchse. Pandora aber blieb anders als Eva bei den Göttern, nur die Plagen, die der Büchse entwichen, blieben bei den Menschen. Hier konnten sie nichts dafür. Die Menschen hätten eben nie den Göttern vertrauen sollen. Bei Adam und Eva war das anders, die waren keine Götter, die waren Menschen wie du und ich. Der Fluch der Arbeit, der seither unter die Menschen kam, ist aber in beiden Erzählungen derselbe. Fortan muss zumindest ein Minimum an Arbeit für den Stoffwechsel mit Natur erledigt werden was wir erfahren können und deshalb werden die Erzählungen wohl wahr sein. Vielleicht nicht wirklich; ich war nicht dabei, aber denkbar und das genügt um zu verstehen, weshalb wir keineswegs drumherum kommen, die notwendige Arbeit gemeinschaftlich zu erledigen. Ob das alles wichtig ist weiß ich auch nicht. Die Postmodernen sagen doch, dass die Zeit der alten Erzählungen jetzt vorbei sei, wir sollen in die Zukunft schauen.

Sich diesem Fluch der Arbeit entledigen, das taten danach einige dieser ersten Menschen und es werden zunächst nur einige Männer gewesen sein, ich kenne die Männer. Außerdem haben die ja nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen und blieben deshalb einfältig genug, in einem Teil der Menschen ihre Mitmenschen nicht zu erkennen und betrachteten diese als Sache. Das ging bei den Männern so weit, dass selbst der Nachfolger des Apostels Paulus, der Theoretiker der Amtskirche Augustinus, sich Sklaven hielt. Darüber reden sie heute schon längst nicht mehr, so dumm sind sie geblieben. Sie konnten nicht erkennen warum sie das taten aber es nützte: Als Sklaven diente dieser Teil der Menschen fortan und besorgte ihnen und den Seinen die Köstlichkeiten der Natur, sie bauten die Häuser und teilten mit ihnen das Bett, wenn er das befahl. Später besorgten sie sich Krone und Zepter damit allemal jetzt Ordnung herrsche, obwohl sie gewiss auch nicht wussten, was sie mit diesen beiden Dingern Krone und Zepter anfangen sollten. Es genügte ihnen zu sehen, dass die anderen wussten, dass die Zeiten des Paradieses endgültig vorbei sind. Pandora hat nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen, jedenfalls wird darüber nichts berichtet, sie war nur neugierig und kindisch. Wir können sie also mit Eva keinesfalls vergleichen; da unterscheiden sich die Mythen über Zeus dem Gott der Christen dann doch deutlich. Folgen wir deshalb Eva, die erwachsen und wunderschön gewesen sein soll, dass an Erkenntnis der Adam überhaupt nicht interessiert war. Er folgte blind diesem Weib. Daran hat uns später Nietzsche erinnert, aber da war die Geschichte längst gelaufen. Hätte dieser Adam auch nur einmal sich bemüht, wenigstens das Einfachste zu erkennen, so Einfaches, dass sogar allein ein geöffnetes Auge genügt hätte zu erkennen, dass die Menschen gleich sind, dass es keine Sklaven und keine Rassenunterschiede sichtbar gibt, alles hätte sich anders entwickeln können. Aber es entwickelte sich schrecklich anders. Anstatt sich jetzt nachdem das Gebot verletzt war gemeinsam um die Erledigung der Strafe der notwendigen Arbeit zu kümmern, die unwiderruflich notwendig war, um auf diesem irdischem Planeten, der völlig einsam inmitten vor unzähligen Planeten in einem geheimnisvollen All seine lebensspendende Sonne umkreist, und in Ehrfurcht vor diesem unlösbaren Geheimnis sich wenigstens jetzt an die Frau gewandt und sie um Mitteilung über ihre Erkenntnis gebeten hätte, richtete er sich dumpf ein. Gewalttätig, mordend und roh; darin unterschied er sich von Eva. Darin unterschied sich Jahrhunderte später auch Erasmus von Rotterdam, der bei Eva gelesen hatte, von Martin Luther, der sich des dumpfen Charakters des Adam annahm. Später vertiefte dieser Verkünder der Menschenrechte Thomas Jefferson die Worte des Martin Luthers, dass er, der Mann, wirklich nichts erkennen kann wenn er bei Eva nicht gelesen hat: Er formulierte diese Menschenrechte zu Beginn der Französischen Revolution und hielt zuhause Sklaven, die er im Verlauf seines Lebens sogar an Anzahl verdoppeln konnte. Er las die Bibel und mehr erkannte er nicht. Er konnte lesen; er konnte nicht erkennen.

Heute und längst schon reden auch die Frauen. Nicht alle haben bei Eva gelesen. Aber die, die gelesen haben, reden noch nicht laut. Sie hören immer noch zu wenn ihnen der Brief des Paulus an die Epheser vorgelesen wird, dass die Frauen ihren Männern untertan sind, als gälte es dem Herrn. Samt diesem Luther, der ohnehin fast nur bei Paulus las, hätten sie diese Texte zerreißen sollen und die Männer, die diese einfältigen Dummheiten auch gerne predigten, aus dem gemeinsamen Bett weisen sollen; so wäre sie wenigstens ausgestorben. Aber viel zu viele bevorzugten das Leben einer Hure und erinnerten sich nicht mehr daran, dass die Natur sie zuvörderst mit der gottgleichen Eigenschaft einer Lebensspendenden ausgestattet hat. Auch wenn sie sich nach und nach von diesem Paulus emanzipieren, so übergeben sie doch oft noch ihre Kinder im zarten Alter an die Krippe, um für ein eigenes Leben in Arbeit das Haus verlassen zu können. Oft eilen sie sogar ohne noch einmal erkennen zu wollen, dass die Notwendigkeit an Zeit, die für die Arbeit verwandt werden muss schon lange weit überschritten wurde und sie nur noch einem männlichen Dämon frönen, der dumpf, wie seinerzeit Adam, sich von ihnen aushalten lässt.

Menschenrechte werden heute wie damals formuliert. Damals lag noch der Code Noir neben den erhabenen Sätzen, heute hat ihn längst das Bürgerliche Gesetzbuch abgelöst. In ihm aber wurde der Fluch der Arbeit fortgeschrieben, ja sogar noch einmal verschärft. Thomas Jefferson hat in seiner selbst gebastelten Bibel alles herausgeschnitten, das für eine Erlösung vom Fluch der Arbeit noch hätte taugen können. Hochangesehen bei den Bürgern war dieser Advokat; er schnitt mit einer Rasierklinge, da bedarf es keiner Erkenntnis, da muss nur ordentlich gewerkelt und wiedergekäut werden, Ausgewähltes und besser gründlicher als zuvor.

Man müsse ihn wie Luther auch in seiner Zeit verstehen. Welch eine postmoderne Dummheit der Menschen, die selbst das von diesen Männern wiedergekäute essen und inzwischen freiwillig noch einmal wiederkäuen obwohl sie wissen könnten, dass sie davon bestimmt nicht satt werden. Thomas Jefferson hätte sich mit François Noël Babeuf an einen Tisch setzen können, um über seinen Entwurf der Menschenrechte mit ihm zu sprechen; er aber suchte ihn nicht. Wie steht es hier mit dem Verständnis in dieser Zeit? Beide lebten doch zur gleichen Zeit, beide werden doch in ihrer Zeit verstanden? Auch im Streit Martin Luthers mit Erasmus von Rotterdam blamiert sich dieser Vortrag der Lutheraner. Beide stritten sogar exakt zur selben Zeit miteinander und vergleichen wir jetzt einmal die Worte der Beiden. Sie besuchten sogar dieselben Schulen, gut, nicht am gleichen Ort, aber der Lehrplan ist mit den heutigen überhaupt nicht mehr vergleichbar. Als Augustinermönche glichen sie sich oft sogar in ihren Bewegungen, wenngleich diese nicht immer zur selben Stunde durchgeführt wurden.

Hört auf. Es sind zwei Verbrechen, die heute sehenden Auges noch nicht einmal von den meisten Menschen in den gesättigten und satten Industrieländern in Frage gestellt werden: Die Zerstörung der Welt durch eine scheinbar unersättliche Gier nach materiellem Wohlstand und die unerbittliche Aufrechterhaltung des Fluchs der Arbeit. Jenseits der Knappheit an Gütern halten sie den Motor dieser Verbrechen im Bürgerlichen Recht aufrecht und polieren täglich das Gehäuse, das im Staat für die grenzenlose Ausweitung des Marktes der erzeugten Güter sorgt. Dafür wurde der Glauben an eine reine Natur aus dem Staat geworfen, wie das Rousseau genau so unverblümt sagte und wir ihn deshalb sehr gut auch in seiner Zeit verstehen; da gibt es keine Zeitdifferenz. Als Götzenbild tragen noch immer seine Gläubigen sein Bild ähnlich einer Monstranz, die aber mit einer katholischen Monstranz gar nichts zu tun hat, in ihrem Geldbeutel vor sich her.

Sie schreiben über ihn gerne wie über einen Philosophen, und Manche rahmen eine Tagebuchzeile Kants gerne ein, die sie an die Wand hängen wie ihre Diplomurkunden der Arbeit: Rousseau habe ihn, den großen Philosophen des Bürgertums, zurecht gerückt.

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Posted by Michael Schwegler at 16:10
Edited on: Dienstag, 21 Januar, 2020 18:23
Categories: Das Drama knapper Güter

Knappheit

Am 21.01.2020 wurden Texte grammatikalisch verbessert und am 18.01.2020 wurde eine neue Webseite eröffnet, auf der Sofortmaßnahmen vorgeschlagen sind, die auch ständig jetzt aktualisiert werden, und die geeignet erscheinen die Richtung, die von den politischen Parteien aktuell gegangen wird, zu ändern. Wissenschaftlich kann begründet werden, dass mit der Richtung, die politisch derzeit festgelegt ist, der Kohlenstoffdioxidanteil der Atmosphäre nicht gesenkt oder dieser auch nur konserviert werden kann, sondern dieser weiter ansteigen wird.

Mit dem Text über das Drama der Knappheit wurde bereits eine zentrale KATEGORIE mit Texten eröffnet: Der Weg in eine Postwachstumsgesellschaft. Dieser Begriff passe besser sagen diejenigen, die immer noch politisch denken. Es muss aber ein Weg in ein deutliches Schrumpfen der Güterproduktion, in die massenhafte Freisetzung nicht notwendiger Arbeit gegangen werden. Der Verbrennungskapitalismus muss enden. Die Politik kann hier auch nicht wirklich die Richtung ändern; das verbietet das Recht! Die Schülerin Greta Thunberg hat das treffend festgestellt: "We have not come here to beg world leaders to care. You have ignored us in the past and you will ignore us again". Die Wahrnehmung dieses damals erst 15-jährigen Mädchens deckt sich mit der Erkenntnis eines 68 Jahre alten Mannes auf dragische Weise. Die Richtung muss dringend geändert werden. Hierzu sind die Leser aufgefordert eigene Entwürfe vorzustellen; nur gemeinsam kann der Klimawandel gestoppt werden.

Der Text "Über den Weg" wurde überarbeitet mit dem Freund Luthers Buntz ergänzt. Auch der Text "25.11" wurde um die fff-Demonstration von heute ergänzt und gerade, nach der Anordnung des Präsidenten, Menschen im Irak zu töten, wurde der Text "Über den Faschismus" bereits zum zweiten Mal ergänzt. Auch der letzte Text musste wegen der Gefahr, die Assange droht, aktualisiert werden. Mit dem Text "Nicht jeder ist ein Schuft" werden die Ereignisse vertieft. Dem Text Was tun? wurde ein Aufruf hinzugefügt. Der Text über "Recht muss sein" wurde fortgeschrieben und anders geschrieben; er war missverständlich, hier entschuldige ich mich. Am 11.01. wurde die erste Fassung des Textes über die Früchte der Erde  geschrieben, die noch einmal an Rousseau erinnert, dass die Früchte der Erde allen gehört und damit allerdings nicht die Ausbeutung der Erde meinte. Aber seinem Contrat Social muss entschieden widersprochen werden. Die Knappheit, die in Kuba allein wegen der Monroe-Doktrin ein zentrales Thema ist, animierte zu einer Antwort auf einen Text im offiziellen Kuba-Forum, der auch für die Leser von endederrevolutionen.de interessant sein könnte. Auch über zum Contrat Social wurde ein neuer Text geschrieben und zuletzt zwei Artikel präzisiert: Über den Rechtsstaat und über Was tun?

Posted by Michael Schwegler at 10:03
Edited on: Donnerstag, 23 Januar, 2020 16:25
Categories: Aktuelles

Dienstag, 31 Dezember, 2019

Ich bin nicht allein. Es werde..

Wie wäre es, für eine Weile zu fantasieren? Wie wäre es, den Blick über die Niedertracht hinweg schweifen zu lassen, um eine andere mögliche Welt vorherzusehen?

In der die Luft sauber ist von allem Gift, das nicht menschlichen Ängsten und menschlichen Leidenschaften entstammt;

in deren Straßen die Autos von Hunden zerquetscht werden; in der die Leute nicht mehr von Automobilen gelenkt, noch von Computern programmiert, noch vom Supermarkt gekauft und auch nicht vom Fernsehen betrachtet werden.

Der Fernseher wird nicht mehr das wichtigste Mitglied der Familie sein, er wird fortan wie das Bügeleisen oder die Waschmaschine behandelt.

In die Strafgesetzbücher wird das Delikt der Dummheit aufgenommen, dessen sich jene schuldig machen, die leben, um zu haben oder zu verdienen, anstatt um des Lebens willen zu leben; so wie ein Vogel singt, ohne vom Gesang zu ahnen, und wie ein Kind spielt, ohne vom Spiel zu wissen.

In keinem Land werden mehr junge Männer zu Gefangenen, weil sie sich dem Wehrdienst verweigern, sondern diejenigen, die ihn anstreben.

Niemand wird mehr leben, um zu arbeiten, sondern alle werden arbeiten, um zu leben.

Die Ökonomen werden nicht mehr vom Lebensstandard sprechen, wenn sie die Konsumquote meinen, noch werden sie die Menge des Besitzes Lebensstandard nennen.

Die Köche werden nicht mehr glauben, dass es den Langusten gefällt, lebend gekocht zu werden;

die Historiker werden nicht mehr glauben, dass es den Ländern gefällt, Ziel von Invasionen zu werden;

die Politiker werden nicht mehr glauben, dass es den Armen gefällt, Versprechungen zu schlucken;

die Erhabenheit wird nicht mehr glauben, eine Tugend zu sein und niemand wird jemals mehr jemanden ernst nehmen, der nicht fähig ist, sich selbst nicht ernst zu nehmen.

Der Tod und das Geld werden ihre magischen Kräfte verlieren und es wird weder einen Todesfall noch Glück brauchen, um einen Schurken zu einem ehrenhaften Mann zu machen.

Das Essen wird keine Ware sein, noch die Kommunikation ein Geschäft, weil Essen und Kommunikation Menschenrechte sein werden.

Niemand wird mehr Hungers sterben, weil niemand mehr sterben wird, weil ihm etwas auf den Magen geschlagen ist.

Die Kinder in den Straßen werden nicht mehr wie Abfall behandelt werden, weil es keine Straßenkinder mehr geben wird;

die Reichenkinder werden nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst werden, weil es keine reichen Kinder geben wird.

Die Bildung wird nicht mehr das Privileg jener sein, die für sie bezahlen können und die Polizei wird nicht mehr der Fluch derjenigen sein, die sie nicht schmieren können.

Die Justiz und die Freiheit, zum getrennten Leben verdammte siamesische Zwillinge, werden wieder zusammenfinden, eng verbunden, Rücken an Rücken.

In Argentinien werden die verrückten Frauen der Plaza de Mayo zum Beispiel geistiger Gesundheit, weil sie sich in Zeiten der erzwungenen Amnestie zu vergessen geweigert haben.

Die Heilige Mutter Kirche wird die Fehler auf den Tafeln Moses’ korrigieren und das sechste Gebot wird fortan dazu auffordern, den Körper zu feiern;

die Kirche wird auch ein weiteres Gebot erlassen, das Gott einst entfallen ist: "Du sollst die Natur lieben, derer Du Teil bist."

Die Wüsten der Erde werden aufgeforstet werden wie auch die Wüsten der Seele.

Die Fallenden werden aufgefangen und die Verlorenen gefunden, weil die einen im langen Warten den Halt und die anderen in der langen Suche sich selbst verloren haben.

Wir werden Landsleute und Zeitgenossen all jener werden, die den Willen zur Schönheit und den Willen zur Gerechtigkeit haben, wo immer sie geboren seien und wann immer sie lebten, ohne dass die Grenzen der Landkarten oder die der Zeit die geringste Bedeutung haben.

Wir werden unvollkommen sein, weil die Perfektion wie stets das langweilige Privileg der Götter sein wird; aber in dieser Welt, in dieser stümperhaften und verkorksten Welt, wird jeder fähig sein zu leben als sei er der Erste, in jeder Nacht, als sei es die Letzte.

Von Eduardo Galeano, Übersetzung: Harald Neuber, amerika21

Posted by Michael Schwegler at 8:27
Edited on: Dienstag, 31 Dezember, 2019 9:01
Categories: Der einfache Mensch

Montag, 30 Dezember, 2019

Die schreckliche Last der Bedürfnisse

wir wissen, dass es nicht die eigenen sind; der Mensch ist ein bedürfnisoffenes Wesen. Heute wissen das die Anderen nicht mehr. Die Prüfungen sind schwer; die Andere und ich haben völlig verschiedene Charaktere angenommen, an denen bei den Anderen so wenig Menschliches mehr erkannt werden kann. Wir können diese Prüfung nur meistern, wenn wir Emphatien von uns selbst einsetzen, um der hoffnunglosen Traurigkeit der Anderen abzuhelfen; anders ist der Konsum nicht zu ertragen, wir würden scheitern. Ein Humanismus darf nicht scheitern, er ist unteilbar und darf auch nicht wie das Christentum verkommen indem geteilt wird: Ihr jene, ich diese Hälfte; das Ergebnis ist stets dasselbe. Krieg. So hat es auch Rousseau gedacht, als er meinte, die Religionen überwinden zu können und sie aus dem Staat warf. Der Staat solle es fortan richten. Er richtet es, täglich, mit Feuer und Schwert. So aber hätte man auch gleich bei der Bibel bleiben können: "Ich aber sage euch."

Die Züge sind voll, Flugzeuge starten und landen in einem Takt, dass oft ein Flughafen nicht ausreicht, dem Verkehr noch Herr zu werden. Selbst die schwimmenden Hotels, die unglaublich viele Menschen in Gegenden rund um den Erdball schiffen, um dort zu bestätigen, dass er recht hatte, als er die Sprache der Haare entschlüsselte, sie sind inzwischen auch voll. Wo wollen diese Menschen alle hin? Mehr! ruft die Werbung, die wir nicht abschalten können. Darin erkennen wir diese Aporie, die uns schon ein Leben lang gehindert hat mit den Anderen in menschlichen Kontakt zu treten. Hier waren wir schon immer auf Charaktermasken angewiesen; wir mussten doch lernen uns zu Benehmen. Aber mit welchem Recht werben sie?

Ohne Charaktermasken treffen wir sie heute noch, Menschen, die in ihren Vorgärten sich um die Blumen kümmern und im Innern ihres Hauses selten einen Gegenstand verrücken; alles hat seinen Platz. Die fragen nicht wem der Platz gehört, dieses Bedürfnis haben sie nicht. Auf die Fage, ob sie inzwischen im Winter mehr als ihre Küche beheizen werden sie verlegen. Die Kinder kämen jetzt öfters und die Küche sei zu klein. Sie reisen auch nicht. An den Abenden hören sie gerne zu, wenn ihnen von anderen Gegenden berichtet wird. Grenzen überschreiten sie eh nicht, man ist hier zuhause. Im Dorf kenne man immer weniger, die jetzt hier wohnen. Früher, da trafen sie sich im Kalthaus. Pünktlich um 17 Uhr, zuletzt aber nur noch für eine Stunde, dann wurde es abgeschaltet; nicht das Kalthaus, das Licht im Innern. Jeder hat jetzt einen Kühlschrank, das sei modern. Die Bilder, die sie stickten, die Pullover, die sie strickten und auch die übrigen Handarbeiten, die mit den Kuckucksuhren im Schwarzwald sogar einen Weltruf begründeten, nichts gehe mehr. Heute sind sie die Letzten, die abends noch in den Katalogen blättern, weil das Internet zwar da, aber nicht verstanden wird. Sie wollen es nicht verstehen. Alles sei so billig geworden. Den Rest ihrer Renten verschenken sie. Wofür sie etwas kaufen sollen? Weshalb? Ich habe doch alles, und ins Wirtshaus gehen sie schon lange nicht mehr seit der Krieg vorbei ist. Früher, ja früher.

Ihre Energiebilanz ist negativ. Sie verbrauchen zu wenig. Das muss geändert werden. Es gibt ein Leben vor dem Tod und das Fernsehen.

Es war ein Naturschauspiel gestern morgen. Kurz vor 8 Uhr hat es begonnen. Blutroter ferner Horizont, davor diese eben zarte Wolkendecke, die klar an den Rändern begrenzt war um die Ausläufer der Farben, die jetzt im Winter etwas von der Morgensonne erahnen lassen wirkungsvoll in Szene zu setzen. Das war nicht bestellt. Das sehen nur Wenige. Das sehen die Anderen heute schon lange nicht mehr. Sie arbeiten um diese Zeit. Damit verdienen sie ihr Geld, um all das in Szene setzen zu können; wir leisten uns was.

Posted by Michael Schwegler at 7:19
Edited on: Montag, 30 Dezember, 2019 16:26
Categories: Der einfache Mensch